Discussion:
Betonung rechtfertigen
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Heinz Lohmann
2019-11-21 10:13:08 UTC
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Öfter mal höre ich das Wort mit Betonung auf der 2. Silbe:
recht'fertigen.

Gewohnter klingt es für mich mit der Betonung auf der 1. Silbe:
'rechtfertigen
Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?

Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
--
mfg
Heinz Lohmann
Tamsui, Taiwan

Gedanken sind nicht stets parat,
man schreibt auch, wenn man keine hat. W.B.
Sergio Gatti
2019-11-21 10:37:33 UTC
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Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
'rechtfertigen
Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Mein Papierduden sagt 'rechtfertigen.

Ich hätte spontan recht'fertigen gesagt, aber als
Nichtmuttersprachler ist meine Aussprache alles andere als
maßgebend.

Andererseits impliziert die Form gerechtfertigt, dass es
kein trennbares Verb ist. Das könnte eine Tendenz zu
recht'fertigen erklären wie in über'setzen (in eine andere
Sprache übertragen, nicht trennbar) gegenüber 'übersetzen
(ans andere Ufer bringen, trennbar).
Helmut Richter
2019-11-21 11:02:04 UTC
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Post by Sergio Gatti
Andererseits impliziert die Form gerechtfertigt, dass es
kein trennbares Verb ist. Das könnte eine Tendenz zu
recht'fertigen erklären wie in über'setzen (in eine andere
Sprache übertragen, nicht trennbar) gegenüber 'übersetzen
(ans andere Ufer bringen, trennbar).
(1) Trennbares Verb:
'rechtfertigen, er **fertigt recht, **'rechtgefertigt
(2) Untrennbares Verb, vorn betont:
'rechtfertigen, er 'rechtfertigt, ge'rechtfertigt
(3) Untrennbares Verb, nicht vorn betont:
*recht'fertigen, er *recht'fertigt, **recht'fertigt

* = klingt fragwürdig, kommt aber vor
** = ist schlicht falsch

Nicht alle Verben passen genau in eines der drei Schemata.

Und es gibt auch ein paar, bei denen unterschiedliche Betonung verbreitet
ist, was auch immer die Grammatiken davon halten:

(1) 'anbeten, er betet an, 'angebetet
(3) an'beten, er an'betet, **anbetet

(1) 'anerkennen, er erkennt an, 'anerkannt
(2) 'anerkennen, er 'anerkennt, **geanerkannt

Hier in der Gegend würde ich den Zweifelsfall „rechtfertigen“ auch
einordnen.

Viele dieser Fälle sind schwer analysierbar, weil nicht ganz klar ist,
welche Vorsilben das Voranstellen von ge- verhinden. Unbetonte nicht
trennbare sowieso, aber anscheinend auch manche anderen wie an-, miss-?

Ich hatte mal eine Liste, finde sie aber nicht mehr.
--
Helmut Richter
U***@web.de
2019-11-21 11:53:25 UTC
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Post by Helmut Richter
Post by Sergio Gatti
Andererseits impliziert die Form gerechtfertigt, dass es
kein trennbares Verb ist. Das könnte eine Tendenz zu
recht'fertigen erklären wie in über'setzen (in eine andere
Sprache übertragen, nicht trennbar) gegenüber 'übersetzen
(ans andere Ufer bringen, trennbar).
'rechtfertigen, er **fertigt recht, **'rechtgefertigt
'rechtfertigen, er 'rechtfertigt, ge'rechtfertigt
*recht'fertigen, er *recht'fertigt, **recht'fertigt
* = klingt fragwürdig, kommt aber vor
** = ist schlicht falsch
Dennoch findet man einige Verwendungen für
'hat sich rechtfertigt'.
Post by Helmut Richter
Nicht alle Verben passen genau in eines der drei Schemata.
Und es gibt auch ein paar, bei denen unterschiedliche Betonung verbreitet
(1) 'anbeten, er betet an, 'angebetet
(3) an'beten, er an'betet, **anbetet
(1) 'anerkennen, er erkennt an, 'anerkannt
(2) 'anerkennen, er 'anerkennt, **geanerkannt
Im Infinitiv fehlt mir da der Betonungsunterschied,
im Präsens variiert man die Trennbarkeit, nicht die Betonung.
Post by Helmut Richter
Hier in der Gegend würde ich den Zweifelsfall „rechtfertigen“ auch
einordnen.
Viele dieser Fälle sind schwer analysierbar, weil nicht ganz klar ist,
welche Vorsilben das Voranstellen von ge- verhinden. Unbetonte nicht
trennbare sowieso, aber anscheinend auch manche anderen wie an-, miss-?
Was hast Du gegen 'angeschrieben' und 'angezeigt'?

Gruß, ULF
Gunhild Simon
2019-11-21 12:05:23 UTC
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Post by Helmut Richter
Post by Sergio Gatti
Andererseits impliziert die Form gerechtfertigt, dass es
kein trennbares Verb ist. Das könnte eine Tendenz zu
recht'fertigen erklären wie in über'setzen (in eine andere
Sprache übertragen, nicht trennbar) gegenüber 'übersetzen
(ans andere Ufer bringen, trennbar).
'rechtfertigen, er **fertigt recht, **'rechtgefertigt
'rechtfertigen, er 'rechtfertigt, ge'rechtfertigt
*recht'fertigen, er *recht'fertigt, **recht'fertigt
* = klingt fragwürdig, kommt aber vor
** = ist schlicht falsch
Nicht alle Verben passen genau in eines der drei Schemata.
Und es gibt auch ein paar, bei denen unterschiedliche Betonung verbreitet
(1) 'anbeten, er betet an, 'angebetet
(3) an'beten, er an'betet, **anbetet
(1) 'anerkennen, er erkennt an, 'anerkannt
(2) 'anerkennen, er 'anerkennt, **geanerkannt
Hier in der Gegend würde ich den Zweifelsfall „rechtfertigen“ auch
einordnen.
Viele dieser Fälle sind schwer analysierbar, weil nicht ganz klar ist,
welche Vorsilben das Voranstellen von ge- verhindern. Unbetonte nicht
trennbare sowieso, aber anscheinend auch manche anderen wie an-, miss-?
Juristen sprechen nach meiner Erfahrung nach von recht'fertigen, Recht'fertigung und *recht'fertigt*, also nicht von *gerechtfertigt*.
Sie behandeln, also betonen, das Verb
rechtfertigen wie ein trennbares Verb.
Das erweist sich, wenn man eine Trennung
in den dafür vorgesehenen Tempora ausprobiert:
ich *fertige recht vs ich rechtfertige.
ich habe *rechtfertigt vs ich habe
gerechtfertigt.

Gruß
Gunhild
U***@web.de
2019-11-21 12:13:44 UTC
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Post by Gunhild Simon
Post by Helmut Richter
Post by Sergio Gatti
Andererseits impliziert die Form gerechtfertigt, dass es
kein trennbares Verb ist. Das könnte eine Tendenz zu
recht'fertigen erklären wie in über'setzen (in eine andere
Sprache übertragen, nicht trennbar) gegenüber 'übersetzen
(ans andere Ufer bringen, trennbar).
'rechtfertigen, er **fertigt recht, **'rechtgefertigt
'rechtfertigen, er 'rechtfertigt, ge'rechtfertigt
*recht'fertigen, er *recht'fertigt, **recht'fertigt
* = klingt fragwürdig, kommt aber vor
** = ist schlicht falsch
Nicht alle Verben passen genau in eines der drei Schemata.
Und es gibt auch ein paar, bei denen unterschiedliche Betonung verbreitet
(1) 'anbeten, er betet an, 'angebetet
(3) an'beten, er an'betet, **anbetet
(1) 'anerkennen, er erkennt an, 'anerkannt
(2) 'anerkennen, er 'anerkennt, **geanerkannt
Hier in der Gegend würde ich den Zweifelsfall „rechtfertigen“ auch
einordnen.
Viele dieser Fälle sind schwer analysierbar, weil nicht ganz klar ist,
welche Vorsilben das Voranstellen von ge- verhindern. Unbetonte nicht
trennbare sowieso, aber anscheinend auch manche anderen wie an-, miss-?
Juristen sprechen nach meiner Erfahrung nach von recht'fertigen, Recht'fertigung und *recht'fertigt*, also nicht von *gerechtfertigt*.
Dann hast Du nicht lange genug zugehört.
https://www.uni-potsdam.de/fileadmin01/projects/ls-mitsch/Examen/5-2.pdf

Gruß, ULF
Ralph Aichinger
2019-11-21 12:46:57 UTC
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Post by Gunhild Simon
Juristen sprechen nach meiner Erfahrung nach von recht'fertigen, Recht'fertigung und *recht'fertigt*, also nicht von *gerechtfertigt*.
Sie behandeln, also betonen, das Verb
rechtfertigen wie ein trennbares Verb.
Das erweist sich, wenn man eine Trennung
ich *fertige recht vs ich rechtfertige.
ich habe *rechtfertigt vs ich habe
gerechtfertigt.
Ich habe sehr oft bei solchen Betonungen das Gefühl, daß eine
semantische Unterscheidung suggeriert werden soll wo keine ist
(wie auch bei buchhal*ter*isch), einfach weil es gelehrter klingt
("der differenziert Bedeutungen, wo wir Normalos nur die Wörter
aussprechen). Und finde, daß das ganze oft wie eine
Zwischenform aus Marotte und Besserwisserei wirkt.
Post by Gunhild Simon
Gruß
Gunhild
--
-----------------------------------------------------------------------------
https://aisg.at
ausserirdische sind gesund
Christina Kunze
2019-11-21 15:38:24 UTC
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Post by Sergio Gatti
Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
'rechtfertigen
Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Mein Papierduden sagt 'rechtfertigen.
Ich hätte spontan recht'fertigen gesagt, aber als
Nichtmuttersprachler ist meine Aussprache alles andere als
maßgebend.
Hahaha!
Die Betonung auf der zweiten Silbe ist eine Angewohnheit evangelischer
Pastoren (Pastorinnen bestimmt auch).

chr
Matthias Opatz
2019-11-24 09:28:18 UTC
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Post by Christina Kunze
Hahaha!
Die Betonung auf der zweiten Silbe ist eine Angewohnheit evangelischer
Pastoren (Pastorinnen bestimmt auch).
Die auch Lu'therische Kirche sagen?

Matthias
Jakob Achterndiek
2019-11-24 10:40:34 UTC
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Post by Matthias Opatz
Post by Christina Kunze
Hahaha!
Die Betonung auf der zweiten Silbe ist eine Angewohnheit
evangelischer Pastoren (Pastorinnen bestimmt auch).
Die auch Lu'therische Kirche sagen?
In der Formel "lutherische Kirche" sicher nicht. Aber die Phrase
"evan'gelisch lu'therisch" konnte man in Kreisen norddeutscher
Lutheraner sehr oft wie gesungen hören: 2/8-Auftakt "evan", und
dann zweimal im Dreivierteltakt "gé lisch lu | thé risch 𝄽".
In Notenwerten: ♫|♩♩♩|♩♩|
Oder unmusikalisch: ein akatalektischer und ein katalektischer
Daktylus nach zweisilbigem Auftakt.

Aber daraus dann auch "buchhal'terisch" zu machen, fanden wir affig.
--
j/\a
Andreas Karrer
2019-11-24 13:27:33 UTC
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Post by Jakob Achterndiek
Post by Matthias Opatz
Post by Christina Kunze
Hahaha!
Die Betonung auf der zweiten Silbe ist eine Angewohnheit
evangelischer Pastoren (Pastorinnen bestimmt auch).
Die auch Lu'therische Kirche sagen?
In der Formel "lutherische Kirche" sicher nicht. Aber die Phrase
"evan'gelisch lu'therisch" konnte man in Kreisen norddeutscher
In der Tat betont bei Forvo.com der Sprecher von
"evangelisch-lutherisch" auf dem e, der bei "lutherisch" auf dem u.

Bei uns ist das Wort selten, und in der gesprochenen Sprache noch
seltener, denn die evangelische Landeskirche hier in Zürich ist eine
zwinglianisch-reformierte. Ich glaube, ich habe das Wort zuerst im
Konfirmandenunterricht anno 1970 gehört, und dieser Pfarrer sagte
lu'therisch.
Post by Jakob Achterndiek
Aber daraus dann auch "buchhal'terisch" zu machen, fanden wir affig.
Zur gleichen Zeit kam buchhal'terisch auf; mein Stiefvater, Banker
alter Schule, konnte sich beträchtlich über diese neumodisch-dumme
Betonung aufregen. Aber ich fürchte, die Dummheit hat hier gewonnen.

- Andi
Wolfgang Εnzinger
2019-11-24 22:49:21 UTC
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Post by Andreas Karrer
Post by Jakob Achterndiek
Aber daraus dann auch "buchhal'terisch" zu machen, fanden wir affig.
Zur gleichen Zeit kam buchhal'terisch auf; mein Stiefvater, Banker
alter Schule, konnte sich beträchtlich über diese neumodisch-dumme
Betonung aufregen. Aber ich fürchte, die Dummheit hat hier gewonnen.
Verstehe ich das jetzt richtig - diese Betonung hat sich ernsthaft
durchgesetzt?

Ich höre sie ja auch gelegentlich, habe das aber immer für einen bemühten
Witz gehalten, etwa so geistreich wie "zum Bleistift".
René Marquardt
2019-11-24 22:56:51 UTC
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Post by Wolfgang Εnzinger
Post by Andreas Karrer
Post by Jakob Achterndiek
Aber daraus dann auch "buchhal'terisch" zu machen, fanden wir affig.
Zur gleichen Zeit kam buchhal'terisch auf; mein Stiefvater, Banker
alter Schule, konnte sich beträchtlich über diese neumodisch-dumme
Betonung aufregen. Aber ich fürchte, die Dummheit hat hier gewonnen.
Verstehe ich das jetzt richtig - diese Betonung hat sich ernsthaft
durchgesetzt?
Ich höre sie ja auch gelegentlich, habe das aber immer für einen bemühten
Witz gehalten, etwa so geistreich wie "zum Bleistift".
Wurde uebrigens auch vor Jahren schon hier diskutiert:

https://german.stackexchange.com/questions/30090/wie-wird-das-adjektiv-zum-buchhalter-richtig-betont
Christina Kunze
2019-11-24 22:10:00 UTC
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Post by Matthias Opatz
Post by Christina Kunze
Hahaha!
Die Betonung auf der zweiten Silbe ist eine Angewohnheit evangelischer
Pastoren (Pastorinnen bestimmt auch).
Die auch Lu'therische Kirche sagen?
Keine Ahnung, hier sind sie uniert.

chr
Thomas Schade
2019-11-21 10:41:43 UTC
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Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
'rechtfertigen
Kenne ich beides, und empfinde ebenfalls wie du. Spätestens beim
Partizip kenne ich aber nur ge'rechtfertigt, gerecht'fertigt habe ich
bewusst noch nie gehört.
Post by Heinz Lohmann
Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?
Kann ich nicht beurteilen, schließlich 'leide' ich unter demselben
Makel. ;)


Ciao
Toscha
--
Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.
[Oscar Wilde]
Bertel Lund Hansen
2019-11-21 20:44:14 UTC
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Post by Thomas Schade
Kenne ich beides, und empfinde ebenfalls wie du. Spätestens beim
Partizip kenne ich aber nur ge'rechtfertigt, gerecht'fertigt habe ich
bewusst noch nie gehört.
Ich glaube, dass es eine Rolle spielt, dass man gerne die
drittletzte Silbe betonen will.
--
/Bertel - aus Dänemark
Stefan Ram
2019-11-21 10:48:19 UTC
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Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
Ich vermute, daß ich es auch so ausspreche.
Post by Heinz Lohmann
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Die HM im Web ist, daß es

- auf der ersten Silbe betont wird,
- nicht trennbar ist und
- das PP "gerechtfertigt" lautet.
René Marquardt
2019-11-21 12:57:35 UTC
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Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
'rechtfertigen
Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Sind wohl die gleichen Leute, die auch "buchhallTEERisch" sagen.
Frank Hucklenbroich
2019-11-21 13:02:21 UTC
Antworten
Permalink
Post by René Marquardt
Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
'rechtfertigen
Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Sind wohl die gleichen Leute, die auch "buchhallTEERisch" sagen.
So wird es an der Uni gelehrt.

Seitdem habe ich dieses Wort auch nie wieder gebraucht.

Grüße,

Frank
Roland Franzius
2019-11-21 15:32:02 UTC
Antworten
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Post by Frank Hucklenbroich
Post by René Marquardt
Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
'rechtfertigen
Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Sind wohl die gleichen Leute, die auch "buchhallTEERisch" sagen.
So wird es an der Uni gelehrt.
Seitdem habe ich dieses Wort auch nie wieder gebraucht.
Man versuche einfach den christlichen Standardbegriff
"Rechtfertigungslehre" in einen Satz zu packen und messe dessen Vers.

https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtfertigung_(Theologie)

Im Theologiestudium werden die kanonischen Ausspracheformen für die
Predigt gelehrt und geübt.

Es war nie einfach, in der letzten Reihe vollbesetzter gotischer
Langhäuser verständlich zu sein. Dafür hat ML die hochdeutsche
Aussprache mit ihren überspitzten Knallern aber entwickelt.
--
Roland Franzius
Jan Bruns
2019-11-22 20:51:37 UTC
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Post by Roland Franzius
Post by Frank Hucklenbroich
Post by René Marquardt
Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
'rechtfertigen Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Sind wohl die gleichen Leute, die auch "buchhallTEERisch" sagen.
So wird es an der Uni gelehrt.
Seitdem habe ich dieses Wort auch nie wieder gebraucht.
Man versuche einfach den christlichen Standardbegriff
"Rechtfertigungslehre" in einen Satz zu packen und messe dessen Vers.
Was weiss der Herr schon von Nötigtat.

Gruss

Jan Bruns
René Marquardt
2019-11-21 23:41:30 UTC
Antworten
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Post by Frank Hucklenbroich
Post by René Marquardt
Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
'rechtfertigen
Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Sind wohl die gleichen Leute, die auch "buchhallTEERisch" sagen.
So wird es an der Uni gelehrt.
Seit meiner Studienzeit weiss ich, dass, nur weil etwas gelehrt wird,
dieses noch lange nicht korrekt sein muss.
Bertel Lund Hansen
2019-11-21 20:34:04 UTC
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Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
So hätte ich es unmittelbar ausgesprochen, aber ich bin ja auch
mit Dänisch gewöhnt, wo das entsprechende Verbum "retFÆRdiggøre"
heisst.
Post by Heinz Lohmann
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Online Duden schafft es - und gibt dir recht:

https://www.duden.de/rechtschreibung/rechtfertigen#aussprache
--
/Bertel - aus Dänemark
Manfred Hoß
2019-11-22 06:37:57 UTC
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Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
'rechtfertigen
Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Du fragst hier nach der Betonung eines Worts, Helmut Richter wirft das
Problem der Beugung aufgrund unterschiedlicher Betonung auf. Da in einem
Text, den ich bereits vor einigen Jahren gepostet habe, beides behandelt
wird, bringe ich der Einfachheit halber den Text hier nochmal:

Die Frage nach der Beugung der z u s a m m e n g e s e tz t e n Z e i t-
w ö r t e r richtet sich: auf Trennen oder Nichttrennen (*Ich übersiedle*
oder *ich siedle über?*); auf ..ge.. oder nicht ..ge.. (*ich bin*
*übersiedelt* oder *übergesiedelt?*; auf die Stellung von *zu* in der
Nennform (*zu durchstreichen* oder *durchzustreichen?*). Die zur Lösung der
meisten, nicht aller, Zweifel von P. Pietsch knapp und klar zusammengefaßte
Regel lautet: ‚Hat die erste Silbe des Zeitworts den Hauptton, so tritt (im
2. Mittelwort) *ge-* davor; hat ihn eine andre Silbe, so bleibt es weg; bei
den trennbar zusammengesetzten Zeitwörtern entscheidet die Betonung des
einfachen Zeitwortes‘. Beispiele sind: *liebkosen, geliebkost* (nicht
*liebkost* oder *liebgekost*), *nasführen, genasführt* (nicht *nasführt*
oder *nasgeführt*); *überanstrengen, überangestrengt*.

In den weitaus meisten Fällen trifft das sichre Sprachgefühl selbst des
Weniggebildeten das Richtige. Er setzt kein *ge-* zu den Mittelwörtern
*beunruhigt, verabfolgt*; schiebt es richtig zwischen erstes und zweites
Glied in *aufgemacht, nachgesehen, durchgekämpft*; setzt das *zu* vor das
ganze Zeitwort in: *zu beunruhigen, zu benachrichtigen, zu überwachen*;
schiebt es richtig dazwischen in *zuzumachen, aufzunehmen, überzuschnap-*
*pen, durchzuführen*; irrt sich nicht in den meisten der Zusammensetzungen
mit verschiedenem Ton und Sinn: ‚Ich habe dieses Buch *übersetzt*, Ich bin
*übergesetzt* (über den Strom), Ich fange an, das Buch *zu übersetzen*, ich
*übersetze* es, ich bin über den Strom *übergesetzt*, fange an, ihn
*überzusetzen*.

Zweifelhaft oder schwankend sind manche Fälle, an denen sich die wüste
Polterei austobt und jeden der ‚groben Verlotterung des Sprachgefühls‘
anklagt, dessen Sprachgefühl im mindesten von dem des Polterers abweicht.
Fälle dieser Art sind u. a.: *übersiedeln, durchkosten, unterlaufen,*
*durchbrechen, anerkennen, obliegen, überfahren, überführen*. Heftig
getadelt werden von den meisten Sprachmeisterern Sätze wie: ‚Ich bin nach
Berlin *übergesiedelt*‘ – ein Andrer tadelt: *übersiedelt!* -,
*überzusiedeln, siedelte über*. – Ich habe alle Freuden *durchkostet*. –
Mir ist dabei ein Fehler *unterlaufen*. – Die Dämme sind *durchgebrochen*.
– Das Kind wurde *übergefahren*. – Die Leiche wurde in die Heimat
*überführt*. – Ich *anerkenne* diese Tatsache. – Mir *obliegen* so viele
Pflichten.‘ Die Tadler stehen auf ihrem Schein: Hat das erste Glied den
Ton, so. .; wenn nicht, so. . Sie hätten nicht nur vor einer Regel der
Sprachlehre, sondern ebenso vor dem gesunden Sprachgefühl Recht, wenn ihre
Voraussetzung in allen von ihnen bemängelten Fällen zuträfe; die aber
trifft nicht zu!

Entscheidend ist in der Tat in fast allen oben angeführten Zweifelfragen
die Stelle des Tones; aber wo ist die? Der Tadler kennt und anerkennt nur
Eine Tonstelle, die unerschütterlich und für jedermann feststehe, und
hierin steckt der Fehler seines Tadels, hierin der Grund und zugleich die
Lösung der Zweifel. Der Ton ist nicht, oder nicht mehr, in allen Fällen der
von den Sprachmeistern allein gehörte und erlaubte, sondern es sind
Tonverschiebungen eingetreten und es treten immer neue ein. Es ist einfach
nicht wahr, daß *überfáhren* die einzige oder einzig richtige Betonung sei;
vielmehr hört man noch häufiger, auch von sehr gebildeten Menschen: ‚Laß
dich nicht *´überfahren!‘* Ich selbst betone meist so, seltner
*überfáhren*, habe durch Umfrage bei befreundeten Schriftstellern und
Gelehrten, ebenso bei Ungelehrten, deren Sprache doch auch mitzählt,
festgestellt, daß meine Betonung keine Ausnahme ist, sondern eher einer
Regel folgt. Mithin bin ich berechtigt, ja grade nach der Sprachregel
verpflichtet, zu sagen und zu schreiben: ‚Das Kind wurde *übergefahren*‘.

Man mache dieselbe Probe mit den anderen Beispielwörtern, z. B. mit
*übersiedeln*: man wird sich überzeugen, daß die Betonung ihrer Nennform
schwankt, daß also die von dem Gebot des Sprachmeisters abweichende Form
des 2. Mittelwortes daher rührt. *Übersiedeln* kommt bei Menschen auf
gleicher Bildungstufe, nicht bloß Österreichs, in zwei Betonungen vor:
*´übersiedeln, übersíedeln*. Wer auf die erste Art betont, spricht und
schreibt richtig *übergesiedelt*; wer *übersíedeln* spricht, hat
*übersiedelt* zu schreiben. Also kein Fehler, sondern Bestätigung der
Richtigkeit eines durchgehenden Betonungsgesetzes liegt grade in den
Schwankungen vor.

Man hat Fügungen bei Schiller fehlerhaft finden wollen: ‚Er *durchlas* den
Brief noch einmal, . . den Mahomet *zu durchgehen*‘, die sich einfach
dadurch erklären, daß Schillern eine Betonung der Nennformen *durchlésen,*
*durchgéhen* vorschwebte. Diese Betonung ist vielleicht nicht die allgemein
herrschende, aber ist sie fehlerhaft? Wer darf sich herausnehmen,
festzusetzen, daß ausschließlich und für alle Zeit *überfáhren,*
*übersíedeln* betont werden darf, wenn doch unzweifelhaft auch die
abweichenden Betonungen tatsächlich in den besten Sprachkreisen vorkommen?
Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß die Tonverschiebungen sich grade bei
den zusammengesetzten Zeitwörtern immer weiter ausbreiten, wahrscheinlich
mehr in der Richtung auf das erste Glied; soll dann der neuen herrschenden
Betonung zuwider in alle Ewigkeit gebeugt werden nach einer verklungenen
und verschollenen Betonung? *Übersíedelt* und *´übergesiedelt* sind gleich
gut, *überfáhren* und *´übergefahren* desgleichen; und wenn auch daraus
nicht folgt, daß es nun beliebig heißen dürfe: ‚Ich habe das Buch
*übersetzt* oder *übergesetzt*, - in den Fällen, wo die Betonung der
Nennform ins Schwanken gekommen und nicht mehr gewaltsam festzuhalten ist,
muß Freiheit in der Beugung herrschen. Es hieß lange *´übersetzen* für das
Überschreiten von Flüssen; seit einiger Zeit beginnt die Betonung zu
schwanken, im Heere z. B. heißt es vielfach *zu übersétzen*, und wer nun
einmal so betont, verdient keinen groben Rüffel, wenn er entsprechend
beugt: ‚Der Strom wurde (von den Truppen) *übersetzt*‘, statt: ‚Die Truppen
wurden über den Strom (über)gesetzt‘.

Es gibt auch bei den mit andern Vordergliedern als den Vorwörtern
zusammengesetzten Zeitwörtern die gleichen Schwankungen. *Frohlocken* wird
auf zwei Arten betont: *fróhlocken* ist fast ebenso häufig wie
*frohlócken*, weshalb es kein Wunder ist, daß, zumal bei den Dichtern, die
mannigfachsten Beugeformen vorkommen: ‚Ich habe *frohgelockt, gefrohlockt*‘
neben ‚Mein Herz hat *frohlockt*‘. Wer eine dieser Formen für falsch
erklärt, der muß auch eine einzige Betonung von *frohlocken* verfügen und –
für immer durchsetzen. Ich selbst weiß nicht, ob *fróhlocken* oder
*frohlócken* die einzig richtige Aussprache ist. Ich vermute nach meinen
Beobachtungen der wirklich gesprochenen Sprache, daß meine mir an Bildung
und Sprachgefühl gleichen Volksgenossen in der Betonung untereinandern
abweichen, daß die Einen sagen: *Fróhlocke* nicht zu früh!, die Andern:
*Frohlócke* . . Aber ich ziehe daraus nicht den Schluß der Sprachmeisterei,
daß mir die Aufgabe zugewiesen sei – von wem denn? –, die mir zufällig im
Augenblick besserklingende Aussprache für die richtige, die richtigste zu
erklären, sondern daß der Sprachbeobachter und -darsteller die Pflicht hat,
Freiheit zu gewähren, wo sie der guten Sprache eher zur Zierde als zum
Schaden gereicht.

Wie muß *liebkosen* richtig betont, demnach richtig gebeugt werden? Ich
weiß es nicht; ich höre nur, daß es von den gebildeten deutschen
Zeitgenossen auf zwei Arten betont wird: *líebkosen, liebkósen*; ja, ich
entdecke bei der Selbstprüfung, daß ich – schrecklich zu gestehen – keine
feste Betonung habe, sondern je nach dem Taktschritt meines gesprochenen
Satzes verschieden betone. Ich habe deshalb nichts auszusetzen an dem
Nebeneinander von: ‚Sie hat ihr Kind *geliebkost, liebkost*‘, ja ich
entsetze mich nicht über den Vers Goethes: ‚Und *liebgekost* und
liebgeherzt . . ‚ (Der untreue Knabe.)

Hieran sehen wir das Streben der deutschen Sprache, dieser nahezu allein
unter allen Bildungssprachen, zu Schwankungen des Tones in den
zusammengesetzten Zeitwörtern, meist zum Zweck sehr feiner und nützlicher
Unterscheidungen des Sinnes. Man denke an: *úmgehen, umgéhen; ´übertreten,*
*übertréten; dúrchdringen, durchdríngen; dúrchschauen, durchscháuen;*
*únterbreiten, unterbreíten; wíederholen, wiederhólen; únterschlagen,*
*unterschlágen*. Selbst bei *úmgürten* und *umg´ürten* fühlen wir einen
Bedeutungsunterschied. Und da will man der Sprache verbieten, mit dem Ton
auch da abzuwechseln, wo sich noch kein Sinnesunterschied herausgebildet
hat? Das würde ja nur den Versuch dazu im Ansatz unterdrücken heißen.

Bei den Zusammensetzungen mit *miß* gibt es besonders viele Schwankungen
der Beugeformen, nämlich ungefähr so viele wie Schwankungen der Betonung
der Nennform. Man betont bald *míßfallen*, bald *mißfállen*, *míßtrauen*
neben *mißtraúen*, *míßdeuten* und *mißdeúten*, *míßachten* und
*mißáchten*, *míßbrauchen* neben *mißbraúchen*, *míßbilligen* und
*mißbílligen*. Wir hören und sehen daher nebeneinander: *míßgefallen* und
*mißfállen*, *gemíßtraut* und *mißtraút*, *gemíßdeutet*, auch
*míßgedeutet*, und *mißdeutet, zu míßbilligen* (nicht: *mißzubilligen*), er
hat es *mißbílligt* oder *gemíßbilligt*, ja sogar: *míßgebilligt* usw.). –
Das von einem Sprachmeister verhängte strenge Verbot, jemals (von einem
andern: niemals!) *ge-* zwischen *miß* und Stamm einzuschieben, gilt nicht:
*míßgedeutet, míßgeachtet* sind ebenso gute Sprache geworden wie
*míßgestaltet* und *míßgestimmt*, nach deren Entsprechung sie gebildet
sind.

Verbindungen mit *miß*, deren Ton nicht schwankt, schwanken auch nicht in
ihren Beugeformen: *mißverstehen* wird nur auf eine Art gebeugt.

Die volle Zornesschale wird von fast allen Sprachmeisterern ausgeschüttet
über das Nichttrennen zusammengesetzter Zeitwörter wie *anerkennen,*
*aberkennen, anvertrauen, obliegen, auferlegen, vorenthalten, anbefehlen*
usw., also gegen Satzfügungen wie: ‚*Anerkennst* du seine Macht? (Goethe),
Er *anbefahl* dem Alten die Obhut seiner Wohnung (Keller), Weiter
*ausbreitete* sich der Aufruhr‘ (Rosegger). In solchen Fällen ist
allerdings nicht das Schwanken der Betonung, sondern ein andrer Grund
maßgebend, der übrigens auch bei der Nichttrennung der Zusammensetzungen
mit schwankendem Ton mitspricht. Die nachdenklichen Schreiber wissen aus
überreicher eigner Erfahrung und aus der Beobachtung ihrer Kunstgenossen,
welche Gefahr für den Satzbau und damit für den Stil in der Trennung
lauert. Sätze wie ‚Aus stärkstem Idealismus, zugleich ein Naturalist und
ein Phantast, e r k a n n t e er (folgen 4 Druckzeilen mit
Zwischenschachtelei . . a n‘ kommen in fast jeder Zeitung, fast jedem
wissenschaftlichen Aufsatz massenhaft vor. Dieses unerträgliche ‚N a ch-
k l a p p e n‘ eines wichtigen, oft des entscheidenden Wortes zu verhüten,
gibt es noch andre Mittel (vgl. S. 318); aber eines der nicht zu
verwerfenden ist die mit Maß, nicht etwa verallgemeinernd geübte
Nichttrennung des zusammengesetzten Zeitwortes, besonders in einem längern
Satzgefüge, wo sich beim besten Willen nicht immer das Dazwischentreten von
allerlei andern Ausdrücken zwischen den Zeitwortstamm und das getrennt
nachfolgende Vorwort vermeiden läßt. In den obigen Sätzen Goethes, Kellers,
Roseggers ist Nichttrennung nicht zu bemängeln. Aber soll man nicht
schreiben dürfen: ‚Ich *anvertraue* dir mit gutem Gewissen und ohne einen
Zweifel an deiner Fürsorge mein einziges Kind‘ -? Muß man um einer Regel
willen schreiben: ‚Ich v e r t r a u e dir mit gutem Gewissen und ohne
einen Zweifel an deiner Fürsorge mein Kind a n‘? Die Schriftsteller, die
in solchen Fällen nicht trennen, kennen die Regel so gut wie die
Sprachmeister, weichen aber mit gutem Bedacht und auf eigne Gefahr von ihr
ab, um einen wertvollen Gewinn für den Satzbau zu erzielen, den sie mit
Recht höher schätzen als den Gehorsam gegen eine Regel, deren
Unverbindlichkeit sie aus zahlreichen Beispielen der besten älteren
Schreiber kennen. Bei Luther wimmelt es von Fügungen wie: ‚Er heimsucht die
Missetat.‘ Nun gar diesen Gebrauch der dichterischen Ausdrucksform zu
untersagen, ist ganz unzulässig: ‚*Aufsprang* der Küster (Immermann). – Ich
*anbete* in ihr (der Sonne) das Licht und die zeugende Kraft Gottes‘
(Goethe). Daß kühne Abweichungen von einer i m a l l g e m e i n e n
n i ch t u m z u st ü r z e n d e n R e g e l nicht dem Anfänger, auch
nicht dem Alltagschreiber zustehen, will ich ausdrücklich hinzufügen;
jedoch der sprach- und stilsichere Schriftsteller darf durch eine starre
Regel nicht eingezwängt werden.

Überaus töricht ist in diesem Falle wie in manchem schon behandelten, der
von einigen Sprachmeistern gemachte Einwand: ‚Wenn *ich anerkenne* erlaubt
sein soll, dann muß es auch *zu anerkennen* sein‘ (vgl. S. 201 zu
‚gefragen‘). Keineswegs! So verfährt nur der alles über einen Leisten
zerrende Sprachmeisterer, dessen erstes Wort Regel, dessen zweites Analogie
heißt; nicht aber die große Künstlerin Sprache, die sich hier eine
nützliche Freiheit herausnimmt, dort eine wertlose verschmäht. Das Eine
tun, das Andre lassen, und jedes an seinem richtigen Platz: das ist einer
der unbewußt wirkenden Grundsätze, nach denen alle Sprachen, die deutsche
ganz besonders, verfahren.

Einige alte Zusammensetzungen trennen niemals, dulden auch keinen Einschub
von *zu*: *willfahren, radebrechen, ratschlagen, handhaben, beschlag-*
*nahmen*. Wie es von *willfahren* nicht heißt *willfuhr*, sondern
*willfahrte, gewillfahrt*; von *ratschlagen* nicht *ratschlug* sondern
*ratschlagte, geratschlagt*, von *handhaben* nicht *handhatte*, sondern
*handhabte, gehandhabt*, von *beschlagnahmen* nicht *beschlagnahm*, sondern
*beschlagnahmte, beschlagnahmt*, - so darf es von *radebrechen* nicht *du*
*radebrichst, er radebricht, ich radebrach* heißen, sondern: *radebrechst,*
*radebrecht, radebrechte, geradebrecht*. *Radebrechen* ist keine
Zusammensetzung mit dem Zeitwort *brechen*, sondern die Ableitung eines in
seiner ursprünglichen Bedeutung nicht völlig aufgeklärten Hauptwortes *die
Radebreche*. Ähnliches gilt für die Grundwörter von *handhaben,*
*beschlagnahmen, ratschlagen*.

(Quelle: Eduard Engel, „Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und
Richtig“. – 4., durchgesehene Auflage. – Leipzig : Hesse & Becker, 1929. –
S. 212ff.)

Gruß
Manfred.
U***@web.de
2019-11-22 08:22:39 UTC
Antworten
Permalink
Post by Manfred Hoß
Post by Heinz Lohmann
recht'fertigen.
'rechtfertigen
Liegt das evtl. an meiner westfälischen Herkunft?
Mein Ausspracheduden verzeichnet das Wort leider nicht.
Du fragst hier nach der Betonung eines Worts, Helmut Richter wirft das
Problem der Beugung aufgrund unterschiedlicher Betonung auf. Da in einem
Text, den ich bereits vor einigen Jahren gepostet habe, beides behandelt
Die Frage nach der Beugung der z u s a m m e n g e s e tz t e n Z e i t-
w ö r t e r richtet sich: auf Trennen oder Nichttrennen (*Ich übersiedle*
oder *ich siedle über?*); auf ..ge.. oder nicht ..ge.. (*ich bin*
*übersiedelt* oder *übergesiedelt?*; auf die Stellung von *zu* in der
Nennform (*zu durchstreichen* oder *durchzustreichen?*). Die zur Lösung der
meisten, nicht aller, Zweifel von P. Pietsch knapp und klar zusammengefaßte
Regel lautet: ‚Hat die erste Silbe des Zeitworts den Hauptton, so tritt (im
2. Mittelwort) *ge-* davor; hat ihn eine andre Silbe, so bleibt es weg; bei
den trennbar zusammengesetzten Zeitwörtern entscheidet die Betonung des
einfachen Zeitwortes‘. Beispiele sind: *liebkosen,
Was ist da trennbar? **Ich kose lieb.
Post by Manfred Hoß
geliebkost* (nicht
*liebkost*
Eigentlich doch.
Post by Manfred Hoß
oder *liebgekost*), *nasführen, genasführt* (nicht *nasführt*
oder *nasgeführt*); *überanstrengen, überangestrengt*.
In den weitaus meisten Fällen trifft das sichre Sprachgefühl selbst des
Weniggebildeten das Richtige. Er setzt kein *ge-* zu den Mittelwörtern
*beunruhigt, verabfolgt*; schiebt es richtig zwischen erstes und zweites
Glied in *aufgemacht, nachgesehen, durchgekämpft*; setzt das *zu* vor das
ganze Zeitwort in: *zu beunruhigen, zu benachrichtigen, zu überwachen*;
und weiß darum, daß *anprobieren* zwar ein mittiges
'zu', nicht aber im P II ein mittiges oder gar
vorangestelltes 'ge' bekommt. Im Bairischen habe ich allerdings
auch schon g'studiert gehört.

Gruß, ULF
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