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Interjektions-O: Mit oder ohne "H", das ist hier die Frage!
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Reinhard Zwirner
2020-05-07 22:29:53 UTC
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Hi,

es ist zwar schon "etwas" her, aber ich meine mich erinnern zu
können, in der Schule gelernt zu haben, daß bei solchen Os keine Hs
stehen.

Nun bekam ich vor ein paar Tagen von einem mir als sehr deutschkundig
bekannten Menschen eine Mail mit dem Betreff "Oh Wandern". Ich
stutzte: O mit H? Okay, vielleicht ein Zitat? Ich fragte also nach
und bekam in der Antwort die Empfehlung, künftig "die "24., völlig
neu bearbeitete und erweiterte Auflage" des Duden von 2006 zu
benutzen". Danach wurde [Betonung auf Vergangenheit?] Oh, mit dem
Dehnungs-H, gern bei stärkerer Empfindsamkeit gebraucht. Bsp.:

O, oh! Ich weiß, der Herr hat Gnade funden vor Saladin. (Lessing,
Nathan, 4,2) oder auch beim Zuruf an Pferde oder andere Zugtiere,
stehenzubleiben.

Fazit des Menschen: Also alles frei nach Schnauze!

Der Online-Duden, der ja nun topaktuell sein müßte, kennt als
Interjektion aber nur "O":

<https://www.duden.de/rechtschreibung/o_Ausruf_Freude_Schreck>

Und was den - von den beiden Wörtern her - Anlaß dieser Diskussion
betrifft, ist lt. Wikipedia das "O" Single:

<https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Wandern_ist_des_Müllers_Lust>
(oberes Bild am rechten Bildrand anklicken)

Ist das Zitat aus dem Duden nur eine Beschreibung der Vergangenheit?
Oder ist das auch als heute noch gültige Regel zu betrachten?

Für Aufklärung dankt im voraus

Reinhard
Stefan Ram
2020-05-07 23:21:43 UTC
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Post by Reinhard Zwirner
es ist zwar schon "etwas" her, aber ich meine mich erinnern zu
können, in der Schule gelernt zu haben, daß bei solchen Os keine Hs
stehen.
WIMRE war es hier immer Konsens, daß es beide Interjektionen
gibt, aber sie in unterschiedlichen Situationen verwendet werden.

"O" drückt emotionale Bewegung aus (Freude, Bewunderung, Sehnsucht,
Ablehnung, Schrecken): "O weh!", "O Gott!", "O welche Freude!",
"O ja!". Anrede: "O Pelegrin!".

"Oh" Überraschung, Verwunderung: "Oh, wie schön!", "Oh, wie schrecklich!",
"Oh, Verzeichung!". - Ablehnung, Zurückweisung: "Oh, diese Männner!".

"Die Ohs und Ahs der Zuschauer".
Diedrich Ehlerding
2020-05-08 05:33:45 UTC
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Post by Stefan Ram
WIMRE war es hier immer Konsens, daß es beide Interjektionen
gibt, aber sie in unterschiedlichen Situationen verwendet werden.
"O" drückt emotionale Bewegung aus (Freude, Bewunderung, Sehnsucht,
Ablehnung, Schrecken): "O weh!", "O Gott!", "O welche Freude!",
"O ja!". Anrede: "O Pelegrin!".
"Oh" Überraschung, Verwunderung: "Oh, wie schön!", "Oh, wie
schrecklich!", "Oh, Verzeichung!". - Ablehnung, Zurückweisung: "Oh,
diese Männner!".
Das meine ich auch mal so gelernt zu haben.
--
gpg-Key (DSA 1024) D36AD663E6DB91A4
fingerprint = 2983 4D54 E00B 8483 B5B8 C7D1 D36A D663 E6DB 91A4
HTML-Mail wird ungeleſen entſorgt.
Jakob Achterndiek
2020-05-08 08:55:01 UTC
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Post by Diedrich Ehlerding
Post by Stefan Ram
WIMRE war es hier immer Konsens, daß es beide Interjektionen
gibt, aber sie in unterschiedlichen Situationen verwendet werden.
"O" drückt emotionale Bewegung aus (Freude, Bewunderung, Sehnsucht,
Ablehnung, Schrecken): "O weh!", "O Gott!", "O welche Freude!",
"O ja!". Anrede: "O Pelegrin!".
"Oh" Überraschung, Verwunderung: "Oh, wie schön!", "Oh, wie
schrecklich!", "Oh, Verzeichung!". - Ablehnung, Zurückweisung: "Oh,
diese Männner!".
Das meine ich auch mal so gelernt zu haben.
In Corona-Zeiten kommt eine ganz wichtige weitere Unterscheidung
hinzu: Die eine Behauchung andeutende Verlängerung "Oh" indiziert,
da0 der oder die Interjizierende noch exspirationsfähig und also
von keiner akuten Lungenerkrankung befallen ist.

Daß bei früheren Dichtern wie Lessing, Goethe oder Heine das "Oh"
häufiger war, bringt manche Sprachhistoriker zu der Vermutung, daß
damals die Luft reiner und also zu exspirierenden Interjektionen
geeigneter war als heute. Aber schon bei Lessing finden wir auch
ein Zeugnis des Übergangs zu der von Stefam Ram (s.o.) referierten
Bedeutungs-Differenzierung. Der Patriarch in "Nathan .." IV,2 sagt:
| "O, oh! – Ich weiß, der Herr hat Gnade funden vor Saladin!"
Einige Literaturwissenschaftler folgern daraus, Lessing habe damit
zum Ausdruck bringen wollen, daß der Patriarch zunächst ablehnend
erschrocken ["O"] und gleich darauf überrascht verwundert ["oh"]
gewesen sei.

Randbemerkung:
Solche feinsinnigen Unterscheidungen lernt freilich nur, wer in
der Schule nicht nur den Duden, sondern auch den "Nathan" noch
kennenlernen darf. Letzteres hat der SPIEGEL vor wenigen Jahren
in seiner Literaturbeilage ausdrücklich für überflüssig, weil
von der allgemeinen Auf-und-Abklärung überholt, erklärt. Von der
Wichtigkeit der "O - oh"-Unterscheidung ahnte der SPIEGEL damals
noch nichts.
--
j/\a
Roland Franzius
2020-05-08 09:53:54 UTC
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Post by Jakob Achterndiek
Daß bei früheren Dichtern wie Lessing, Goethe oder Heine das "Oh"
häufiger war, bringt manche Sprachhistoriker zu der Vermutung, daß
damals die Luft reiner und also zu exspirierenden Interjektionen
geeigneter war als heute. Aber schon bei Lessing finden wir auch
ein Zeugnis des Übergangs zu der von Stefam Ram (s.o.) referierten
| "O, oh! – Ich weiß, der Herr hat Gnade funden vor Saladin!"
Einige Literaturwissenschaftler folgern daraus, Lessing habe damit
zum Ausdruck bringen wollen, daß der Patriarch zunächst ablehnend
erschrocken ["O"] und gleich darauf überrascht verwundert ["oh"]
gewesen sei.
Ich hab das schon auf dem Topf gelernt, das wurde mit "A, ah", Ton auf
dem Nachsatz, kommentiert.

Muttern berichtete seinerzeit ausführlich an die Front, da wir einen
Glastopf benutzten, der dann händisch draußen auf dem Misthaufen
entleert und unter der Pumpe nachgespült wurde.
--
Roland Franzius
H.-P. Schulz
2020-05-08 08:17:08 UTC
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Post by Stefan Ram
Post by Reinhard Zwirner
es ist zwar schon "etwas" her, aber ich meine mich erinnern zu
können, in der Schule gelernt zu haben, daß bei solchen Os keine Hs
stehen.
WIMRE war es hier immer Konsens, daß es beide Interjektionen
gibt, aber sie in unterschiedlichen Situationen verwendet werden.
"O" drückt emotionale Bewegung aus (Freude, Bewunderung, Sehnsucht,
Ablehnung, Schrecken): "O weh!", "O Gott!", "O welche Freude!",
"O ja!". Anrede: "O Pelegrin!".
"Oh" Überraschung, Verwunderung: "Oh, wie schön!", "Oh, wie schrecklich!",
"Oh, Verzeichung!". - Ablehnung, Zurückweisung: "Oh, diese Männner!".
"Die Ohs und Ahs der Zuschauer".
Na ja ... nicht ganz.

"O" ist einfach poetisch-emphatisch; emotionale Exaltation; Anrufung;
Entzücken.

"O Ihr Musen!", "Gelobt seist Du, O HErr!"
"O Du Höheres Wesen, das wir verehren!"


"Oh" ist zurst einmal auch onomatopoetisch: Der real ertönende Ausruf
bei unterschiedlichsten emotionalen Bewegungen: Überraschung,
Enttäuschung, Ärger, Überdruss - - - also eher im unfröhlichen
Bereich.

Meine Kurzformel zur Erklärung des Unterschieds ist immer die Sache
mit dem Weihnachtsbaum:

Wenn nur die Kerzen brennen: O Tannenbaum!
Wenn der ganze Baum brennt: Oh, Tannenbaum!!
Helmut Richter
2020-05-08 07:45:29 UTC
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Post by Reinhard Zwirner
O, oh! Ich weiß, der Herr hat Gnade funden vor Saladin. (Lessing,
Nathan, 4,2) oder auch beim Zuruf an Pferde oder andere Zugtiere,
stehenzubleiben.
Fazit des Menschen: Also alles frei nach Schnauze!
Und warum ist das ein Untergang der Kultur?
Post by Reinhard Zwirner
Der Online-Duden, der ja nun topaktuell sein müßte, kennt als
<https://www.duden.de/rechtschreibung/o_Ausruf_Freude_Schreck>
Vielleicht deiner. Meiner kennt auch „oh“:
https://www.duden.de/rechtschreibung/oh
Post by Reinhard Zwirner
Und was den - von den beiden Wörtern her - Anlaß dieser Diskussion
<https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Wandern_ist_des_Müllers_Lust>
(oberes Bild am rechten Bildrand anklicken)
Ja, so ist das MUSEN bis heute richtig. Es ist eine Art Vokativ, und den
schreibt man immer so: „o Wandern“.

Anders ist ein selbständiges „oh“ als emotionaler Ausruf:

Heute steht Wandern auf dem Programm. – Oh, Wandern!

Anders phrasiert und intoniert, anders geschrieben. Prima.

Und die im Duden angedeutete Regel, dass eher „o“ geschrieben wird, wenn
das O(h) mit dem nachfolgenden Wort prosodisch eine zusammenhängende
Phrase bildet und „oh“ mindestens dann, wenn ein Komma oder das Satzende
folgt, ist doch eigentlich klar. Und dass es Zwischenfälle gibt, in denen
der Schreiber die Freiheit hat, auszudrücken, wie er das O(h) richtig
intoniert haben will, ist doch eher eine Bereicherung als eine Verarmung
der Ausdrucksmöglichkeiten. Also ich würde „Oh! Wie schön!“ anders
aussprechen als „O wie schön!“.
--
Helmut Richter
Reinhard Zwirner
2020-05-08 10:04:20 UTC
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[...]
Post by Helmut Richter
Post by Reinhard Zwirner
Fazit des Menschen: Also alles frei nach Schnauze!
Und warum ist das ein Untergang der Kultur?
Hmm. Eine solche Aussage kann ich in meinem Posting weder ex- noch
implizit finden ...
Post by Helmut Richter
Post by Reinhard Zwirner
Der Online-Duden, der ja nun topaktuell sein müßte, kennt als
<https://www.duden.de/rechtschreibung/o_Ausruf_Freude_Schreck>
https://www.duden.de/rechtschreibung/oh
Post by Reinhard Zwirner
Und was den - von den beiden Wörtern her - Anlaß dieser Diskussion
<https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Wandern_ist_des_Müllers_Lust>
(oberes Bild am rechten Bildrand anklicken)
Ja, so ist das MUSEN bis heute richtig. Es ist eine Art Vokativ, und den
schreibt man immer so: „o Wandern“.
Tja, ich gebe zu, daß ich hier präziser hätte sein sollen. Es ging
mir genau um diese "vokativische" Form. Wenn "mein" Mensch "Oh,
Wandern" geschrieben hätte, hätte es das OP nicht gegeben.

Ciao

Reinhard
Post by Helmut Richter
Heute steht Wandern auf dem Programm. – Oh, Wandern!
Anders phrasiert und intoniert, anders geschrieben. Prima.
Und die im Duden angedeutete Regel, dass eher „o“ geschrieben wird, wenn
das O(h) mit dem nachfolgenden Wort prosodisch eine zusammenhängende
Phrase bildet und „oh“ mindestens dann, wenn ein Komma oder das Satzende
folgt, ist doch eigentlich klar. Und dass es Zwischenfälle gibt, in denen
der Schreiber die Freiheit hat, auszudrücken, wie er das O(h) richtig
intoniert haben will, ist doch eher eine Bereicherung als eine Verarmung
der Ausdrucksmöglichkeiten. Also ich würde „Oh! Wie schön!“ anders
aussprechen als „O wie schön!“.
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