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"selten"
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Ralf Joerres
2019-04-06 11:10:27 UTC
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Beim Adverb 'selten' lassen sich zwei Bedeutungen unterscheiden, die jedoch
nahe beieinander liegen. Ich nenne sie hier mal 'selten_0' und 'selten_3'. Ein
dazwischen liegendes flektierbares 'selten_2' ist das vom Adverb abgeleitete
Adjektiv, dem beim Basis-Antonym 'oft' das Adjektiv 'häufig entspricht:

- selten_1: er besucht seine Oma selten
- selten_2: bei einem seiner seltenen Besuche
- selten_3: ein selten dämlicher Fauxpas

Von den Beispielen für selten_3 finde ich einige misslungen:

1. "Bei der Abstimmung im Bundestag (…) an diesem Freitag ist eine selten große
Mehrheit zu erwarten."

Oder:

2. "Er ist ein selten veranlagter Spieler mit famosem Ballgefühl, feiner
Schlagtechnik und einem Empfinden für Spielsituationen, das man im Fußball
als seherische Qualität deuten kann.."

Sowieso frage ich mich, ob 'selten_3' immer richtig als 'selten_3' verstanden wird:

3. "… auch, weil das Verfahren einen selten guten Eindruck davon vermittelt,
wie genau eigentlich Fußballspiele manipuliert werden …"
heißt ja eben nicht '… weil das Verfahren selten einen selten guten
Eindruck davon vermittelt, wie …'.

Manchmal bin ich mir nicht sicher: gilt hier 'selten_1' oder 'selten_3'?:

4. "In einem selten ansehnlichen Spiel gewannen die kaltschnäuzigen Berliner
beim (…) Zweitligisten 1. FC Nürnberg mit 2:0"

– War hier das Spiel selten (nur phasenweise) ansehnlich oder so ansehnlich,
wie vorher (von dieser Mannschaft) selten erlebt?

Vor allem interessiert mich aber: Sind für euch die Sätze 1. und 2. okay?

Gruß Ralf Joerres
Thomas Schade
2019-04-06 11:33:00 UTC
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Post by Ralf Joerres
- selten_3: ein selten dämlicher Fauxpas
Dein 'selten_3' empfinde ich als Ellipse zu 'so selten vorkommend'.
Post by Ralf Joerres
1. "Bei der Abstimmung im Bundestag (…) an diesem Freitag ist eine selten große
Mehrheit zu erwarten."
2. "Er ist ein selten veranlagter Spieler mit famosem Ballgefühl, feiner
Schlagtechnik und einem Empfinden für Spielsituationen, das man im Fußball
als seherische Qualität deuten kann.."
[...]
Post by Ralf Joerres
Vor allem interessiert mich aber: Sind für euch die Sätze 1. und 2. okay?
1) empfinde ich als völlig 'normal', insbesondere wenn ich es wie oben
gesagt ergänze. 2) hingegen empfinde ich als missglückt. Aber nicht
wegen selten sondern wegen 'veranlagt', das als Adjektiv hier für mich
nicht passt. Setze ich statt 'veranlagt' ein Adjektiv wie 'talentiert' ,
ist auch 2) ein unauffälliger Satz.


Ciao
Toscha
--
Der Kapitalismus hat soziale Fehler.
Der Sozialismus hat kapitale Fehler.
Stefan Schmitz
2019-04-06 16:06:39 UTC
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Post by Thomas Schade
Post by Ralf Joerres
- selten_3: ein selten dämlicher Fauxpas
Dein 'selten_3' empfinde ich als Ellipse zu 'so selten vorkommend'.
Oder auch als Synonmym zu besonders/außergewöhnlich/äußerst.
Post by Thomas Schade
Post by Ralf Joerres
1. "Bei der Abstimmung im Bundestag (…) an diesem Freitag ist eine selten große
Mehrheit zu erwarten."
2. "Er ist ein selten veranlagter Spieler mit famosem Ballgefühl, feiner
Schlagtechnik und einem Empfinden für Spielsituationen, das man im Fußball
als seherische Qualität deuten kann.."
[...]
Post by Ralf Joerres
Vor allem interessiert mich aber: Sind für euch die Sätze 1. und 2. okay?
1) empfinde ich als völlig 'normal', insbesondere wenn ich es wie oben
gesagt ergänze. 2) hingegen empfinde ich als missglückt. Aber nicht
wegen selten sondern wegen 'veranlagt', das als Adjektiv hier für mich
nicht passt. Setze ich statt 'veranlagt' ein Adjektiv wie 'talentiert' ,
ist auch 2) ein unauffälliger Satz.
Nimmt man statt 'selten' eins meiner Synonyme, funktioniert der Satz auch mit
'veranlagt' problemlos.
Allerdings ist 'veranlagt' im Gegensatz zu 'groß','talentiert','gut' kein
Qualitätsurteil, sodass deswegen die Markierung mit 'selten' unpassend wirkt.
Ralf Joerres
2019-04-06 16:34:02 UTC
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Post by Thomas Schade
Post by Ralf Joerres
- selten_3: ein selten dämlicher Fauxpas
Dein 'selten_3' empfinde ich als Ellipse zu 'so selten vorkommend'.
So ähnlich ist es gemeint, aber so kann man es nicht sagen:

?ein so dämlich selten vorkommender Fauxpas

Da fehlt mir ein wenig das Emotionale, die Entrüstung und die Abfälligkeit,
dieses 'wie kann man nur!'
Post by Thomas Schade
Post by Ralf Joerres
1. "Bei der Abstimmung im Bundestag (…) an diesem Freitag ist eine selten große
Mehrheit zu erwarten."
2. "Er ist ein selten veranlagter Spieler mit famosem Ballgefühl, feiner
Schlagtechnik und einem Empfinden für Spielsituationen, das man im Fußball
als seherische Qualität deuten kann.."
[...]
Post by Ralf Joerres
Vor allem interessiert mich aber: Sind für euch die Sätze 1. und 2. okay?
1) empfinde ich als völlig 'normal', insbesondere wenn ich es wie oben
gesagt ergänze.
Das wäre dann 'eine so groß wie selten vorkommende Mehrheit', für mich nicht
unbedingt ein stilistischer Geniestreich, wie auch der Ausgangssatz.
Post by Thomas Schade
2) hingegen empfinde ich als missglückt. Aber nicht
wegen selten sondern wegen 'veranlagt', das als Adjektiv hier für mich
nicht passt. Setze ich statt 'veranlagt' ein Adjektiv wie 'talentiert' ,
ist auch 2) ein unauffälliger Satz.
Ja, das würde passen, denke ich, nach so etwas hatte ich gesucht, um den
Satz zu 'heilen'. Also passt diese Verwendung von 'selten' nicht für
beliebige Adjektive.

Gruß Ralf Joerres
Quinn C
2019-04-19 03:13:30 UTC
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Post by Ralf Joerres
Post by Thomas Schade
Post by Ralf Joerres
- selten_3: ein selten dämlicher Fauxpas
Dein 'selten_3' empfinde ich als Ellipse zu 'so selten vorkommend'.
?ein so dämlich selten vorkommender Fauxpas
Da fehlt mir ein wenig das Emotionale, die Entrüstung und die Abfälligkeit,
dieses 'wie kann man nur!'
Schon vor dem Lesen von Thomas' Beitrag kam mir die Paraphrase "wie man
es nur selten antrifft" in den Sinn:

Eine Mehrheit, so groß wie man sie nur selten antrifft.

Ein Fauxpas, so dämlich wie man es nur selten antrifft.
--
binsaugnesseln, hummelsköl, mönchspfeffer, gugelköpf, minbrüdermüntz
FISCHART
GRIMM, Deutsches Wörterbuch
Detlef Meißner
2019-04-19 03:55:14 UTC
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Post by Quinn C
Ein Fauxpas, so dämlich wie man es nur selten antrifft.
^^ihn?

Detlef
--
Das Recht auf Dummheit gehört zur Garantie der freien Entfaltung der
Persönlichkeit. (Mark Twain)
Quinn C
2019-04-19 15:53:25 UTC
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Post by Detlef Meißner
Post by Quinn C
Ein Fauxpas, so dämlich wie man es nur selten antrifft.
^^ihn?
Es ist zwar "der Fauxpas" für mich, aber ich halte dennoch beides für
möglich. Das "es" ist in dem Fall das "es" von "Es ist selten, daß man
einen solch dämlichen Fauxpas antrifft."
--
Who would know aught of art must learn and then take his ease.
Detlef Meißner
2019-04-19 16:34:41 UTC
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Post by Quinn C
Post by Detlef Meißner
Post by Quinn C
Ein Fauxpas, so dämlich wie man es nur selten antrifft.
^^ihn?
Es ist zwar "der Fauxpas" für mich, aber ich halte dennoch beides für
möglich. Das "es" ist in dem Fall das "es" von "Es ist selten, daß man
einen solch dämlichen Fauxpas antrifft."
Deshalb mein Fragezeichen.
Es kommt darauf an, wie man es auffasst.

Detlef
--
Das Recht auf Dummheit gehört zur Garantie der freien Entfaltung der
Persönlichkeit. (Mark Twain)
Thomas Schade
2019-04-19 17:25:57 UTC
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Post by Quinn C
Post by Detlef Meißner
Post by Quinn C
Ein Fauxpas, so dämlich wie man es nur selten antrifft.
^^ihn?
Es ist zwar "der Fauxpas" für mich, aber ich halte dennoch beides für
möglich. Das "es" ist in dem Fall das "es" von "Es ist selten, daß man
einen solch dämlichen Fauxpas antrifft."
Leicht nachvollziehbar. Mich hatte das nur irritiert, weil sich bei
deinem anderen Beispiel:
|Eine Mehrheit, so groß wie man sie nur selten antrifft.
'sie' eindeutig auf 'Mehrheit' bezog.


Ciao
Toscha
--
I'd rather be hated for who I am,
than loved for who I am not.
[Kurt Cobain]
Gunhild Simon
2019-04-19 19:41:42 UTC
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Post by Thomas Schade
Post by Quinn C
Post by Detlef Meißner
Post by Quinn C
Ein Fauxpas, so dämlich wie man es nur selten antrifft.
^^ihn?
Es ist zwar "der Fauxpas" für mich, aber ich halte dennoch beides für
möglich. Das "es" ist in dem Fall das "es" von "Es ist selten, daß man
einen solch dämlichen Fauxpas antrifft."
Leicht nachvollziehbar. Mich hatte das nur irritiert, weil sich bei
|Eine Mehrheit, so groß wie man sie nur selten antrifft.
'sie' eindeutig auf 'Mehrheit' bezog
Ich teile diese Meinung nicht.

In diesem Fall muß sich das Personalpronomen auf das Bezugswort
beziehen - also Fauxpas, hier im Akkusativ: den Fauxpas, ihn.
Dagegen wäre "es" ein vorläufiges Subjekt in dem imaginierten Satz
"Es ist selten, daß ..."

Gruß
Gunhild

Thomas Schade
2019-04-19 08:55:13 UTC
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Post by Quinn C
Ein Fauxpas, so dämlich wie man es nur selten antrifft.
ihn?
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