Discussion:
Bedeutung: sich anverwandeln
(zu alt für eine Antwort)
Heinz Lohmann
2019-02-06 05:36:12 UTC
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Gerade lese ich in der NZZ über Lisa Della Casa:

Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, die sie sich
anverwandelte: Pamina, die «Figaro»- und die «Capriccio»-Gräfin, Donna
Anna, Elvira, Fiordiligi, Ariadne, die Marschallin im «Rosenkavalier»
und natürlich immer wieder die Arabella, jene Strauss-Partie, in der sie
konkurrenzlos war.

Was bedeutet hier "die Rollen, die sie sich anverwandelte"?
Ist das Schweizerdeutsch? Ist das veraltet? Ist das sehr gehoben?

<https://www.nzz.ch/feuilleton/lisa-della-casa-zum-hundertsten-geburtstag-ld.1456297>
--
mfg
Heinz Lohmann
Tamsui, Taiwan

Gedanken sind nicht stets parat,
man schreibt auch, wenn man keine hat. W.B.
Stefan Ram
2019-02-06 06:00:48 UTC
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Post by Heinz Lohmann
Was bedeutet hier "die Rollen, die sie sich anverwandelte"?
"die Rollen, die sie sich zu eigen machte"
Post by Heinz Lohmann
Ist das Schweizerdeutsch? Ist das veraltet? Ist das sehr gehoben?
Mir liegen keine Indizien dafür vor. Es ist wahrscheinlich
selten und daher etwas gehoben.
Andreas Karrer
2019-02-06 08:59:35 UTC
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Post by Heinz Lohmann
Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, die sie sich
anverwandelte: Pamina, die «Figaro»- und die «Capriccio»-Gräfin, Donna
Anna, Elvira, Fiordiligi, Ariadne, die Marschallin im «Rosenkavalier»
und natürlich immer wieder die Arabella, jene Strauss-Partie, in der sie
konkurrenzlos war.
Ich hatte zuerst gedacht, es handle sich um eine bedeutungslose
Vorsilbe, wie man sie im Amtsdeutsch häufig sieht (Anschreiben statt
Schreiben, abändern statt ändern, übersenden statt senden usw.).

Aber Duden kennt das Wort:
anverwandeln
1. sich zu eigen machen
2. jemanden, etwas imitieren und ihm dadurch ähnlich werden

Auch DWDS:
⟨sich [Dativ] etw. anverwandeln⟩ sich etw. geistig zu eigen machen


- Andi
Jakob Achterndiek
2019-02-06 11:26:16 UTC
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Post by Andreas Karrer
Post by Heinz Lohmann
Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, die sie sich
anverwandelte: Pamina, die «Figaro»- und die «Capriccio»-Gräfin, Donna
Anna, Elvira, Fiordiligi, Ariadne, die Marschallin im «Rosenkavalier»
und natürlich immer wieder die Arabella, jene Strauss-Partie, in der sie
konkurrenzlos war.
Ich hatte zuerst gedacht, es handle sich um eine bedeutungslose
Vorsilbe, wie man sie im Amtsdeutsch häufig sieht (Anschreiben statt
Schreiben, abändern statt ändern, übersenden statt senden usw.).
anverwandeln
1. sich zu eigen machen
2. jemanden, etwas imitieren und ihm dadurch ähnlich werden
⟨sich [Dativ] etw. anverwandeln⟩ sich etw. geistig zu eigen machen
Ich halte beide Erklärungen des Duden für falsch und die aus DWDS für
ungenau. Dabei ist doch die Erklärung eigentlich einfach; man muß nur
wieder die Bedeutung der Wörter ernstnehmen.
Verwandeln ist klar?
1. Wenn also eine Schauspielerin "sich einer Rolle anverwandelt", dann
verwandelt sie sich selbst so, daß man auf der Bühne nicht mehr die
Schauspielerin wahrnimmt, sondern die Rolle, die sie verkörpert.
2. Wenn aber eine Schauspielerin eine Rolle "sich anverwandelt", dann
ist das genau das Gegenteil zu dem, was Duden schreibt - und das
ist nicht unbedingt ein Kompliment! Dann siehst du womöglich in
jeder Iphigenie und in jeder Jungfrau von Orléans doch immer nur
die Veronika Ferres.
Nu ja: Manche mögen das.
Die in der NZZ schreibenden Kolleginnen jedenfalls haben immer nur die
Lisa Della Casa wahrgenommen, egal, welche Rolle die gerade zu singen
hatte. - Schade eigentlich. Aber bei Opernsängerinnen schafft offenbar
allein die Musik zwischen Aktrize und Rolle so viel Verfremdung, daß
da andere Maßstäbe gelten als bei Schauspielern.
--
j/\a
Olaf Dietrich
2019-02-06 13:00:59 UTC
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Post by Jakob Achterndiek
Post by Heinz Lohmann
Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, die sie sich
anverwandelte: Pamina, die «Figaro»- und die «Capriccio»-Gräfin, Donna
[...]
Post by Jakob Achterndiek
ungenau. Dabei ist doch die Erklärung eigentlich einfach; man muß nur
wieder die Bedeutung der Wörter ernstnehmen.
Verwandeln ist klar?
1. Wenn also eine Schauspielerin "sich einer Rolle anverwandelt", dann
verwandelt sie sich selbst so, daß man auf der Bühne nicht mehr die
Schauspielerin wahrnimmt, sondern die Rolle, die sie verkörpert.
Das sollte dann aber doch heißen:

| Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, *denen* sie sich
| anverwandelte ...
Post by Jakob Achterndiek
2. Wenn aber eine Schauspielerin eine Rolle "sich anverwandelt", dann
ist das genau das Gegenteil zu dem, was Duden schreibt - und das
ist nicht unbedingt ein Kompliment! Dann siehst du womöglich in
jeder Iphigenie und in jeder Jungfrau von Orléans doch immer nur
die Veronika Ferres.
Das wiederum (wenn ich Dich richtig verstehe):

| Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, die sich *ihr*
| anverwandelten ...


Mit der Grammatik des Originalsatzes habe ich daher gewisse
Schwierigkeiten - gibt es "sich eine Sache (Akk.!) anverwandeln"?


Olaf
Jakob Achterndiek
2019-02-06 13:35:59 UTC
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Post by Olaf Dietrich
Post by Jakob Achterndiek
Post by Heinz Lohmann
Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, die sie sich
anverwandelte: Pamina, die «Figaro»-und die «Capriccio»-Gräfin, [...]
[..]
Verwandeln ist klar?
1. Wenn also eine Schauspielerin "sich einer Rolle anverwandelt", dann
verwandelt sie sich selbst so, daß man auf der Bühne nicht mehr die
Schauspielerin wahrnimmt, sondern die Rolle, die sie verkörpert.
| Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, *denen* sie sich
| anverwandelte ...
Post by Jakob Achterndiek
2. Wenn aber eine Schauspielerin eine Rolle "sich anverwandelt", dann
ist das genau das Gegenteil zu dem, was Duden schreibt - und das
ist nicht unbedingt ein Kompliment! Dann siehst du womöglich in
jeder Iphigenie und in jeder Jungfrau von Orléans doch immer nur
die Veronika Ferres.
| Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, die sich *ihr*
| anverwandelten ...
Mit der Grammatik des Originalsatzes habe ich daher gewisse
Schwierigkeiten - gibt es "sich eine Sache (Akk.!) anverwandeln"?
Die Syntax ist ungewöhnlich, aber in der Sache ist es möglich:
Ich kann eine Rolle, ein Kleidungsstück, sogar einen Text so wandeln,
daß sie mir passen. Das heißt dann: Ich (Nom.) kann sie (Akk.) mir
(Dat.) anwandeln.
--
j/\a
Olaf Dietrich
2019-02-06 13:45:59 UTC
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Post by Jakob Achterndiek
Post by Olaf Dietrich
Post by Heinz Lohmann
Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, die sie sich
anverwandelte: Pamina, die «Figaro»-und die «Capriccio»-Gräfin, [...]
[..]
Mit der Grammatik des Originalsatzes habe ich daher gewisse
Schwierigkeiten - gibt es "sich eine Sache (Akk.!) anverwandeln"?
Ich kann eine Rolle, ein Kleidungsstück, sogar einen Text so wandeln,
daß sie mir passen. Das heißt dann: Ich (Nom.) kann sie (Akk.) mir
(Dat.) anwandeln.
Einverstanden - mein Problem waren wohl die vielen Möglichkeiten,
"die" (Nom./Akk.), "sie" (Nom./Akk.), und "sich" (Dat./Akk.)
auf die richtigen Kasus zu verteilen.

Olaf
Jakob Achterndiek
2019-02-06 13:48:46 UTC
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Post by Jakob Achterndiek
Ich kann eine Rolle, ein Kleidungsstück, sogar einen Text so wandeln,
daß sie mir passen. Das heißt dann: Ich (Nom.) kann sie (Akk.) mir
(Dat.) anwandeln.
... anverwandeln ...
^^^
--
j/\a
Roland Franzius
2019-02-12 07:18:34 UTC
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Post by Jakob Achterndiek
Post by Olaf Dietrich
Post by Jakob Achterndiek
Post by Heinz Lohmann
Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, die sie sich
anverwandelte: Pamina, die «Figaro»-und die «Capriccio»-Gräfin, [...]
[..]
Verwandeln ist klar?
1. Wenn also eine Schauspielerin "sich einer Rolle anverwandelt", dann
verwandelt sie sich selbst so, daß man auf der Bühne nicht mehr die
Schauspielerin wahrnimmt, sondern die Rolle, die sie verkörpert.
| Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, *denen* sie sich
| anverwandelte ...
Post by Jakob Achterndiek
2. Wenn aber eine Schauspielerin eine Rolle "sich anverwandelt", dann
ist das genau das Gegenteil zu dem, was Duden schreibt - und das
ist nicht unbedingt ein Kompliment! Dann siehst du womöglich in
jeder Iphigenie und in jeder Jungfrau von Orléans doch immer nur
die Veronika Ferres.
| Edel und aristokratisch waren auch die meisten Rollen, die sich *ihr*
| anverwandelten ...
Mit der Grammatik des Originalsatzes habe ich daher gewisse
Schwierigkeiten - gibt es "sich eine Sache (Akk.!) anverwandeln"?
Ich kann eine Rolle, ein Kleidungsstück, sogar einen Text so wandeln,
daß sie mir passen. Das heißt dann: Ich (Nom.) kann sie (Akk.) mir
(Dat.) anwandeln.
Fiel mir just noch ein:

Das ist wohl eine Direktübertragung von lat. assimilare = ad-similare,
medial mit Akk. benutzt. Das Wort zeigt selbst eine solche.
--
Roland Franzius
Stefan Ram
2019-02-06 18:32:04 UTC
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Das Wort wird nur selten verwendet. Traditionalle
Schriftsteller scheinen es gar nicht zu verwenden.
Der einzige Beleg in meinem Korpus:

|die dazu dient, "die Welt in das Eigentum des Geistes
|umzuschaffen", die also in der Auseinandersetzung mit
|der Welt diese anverwandelt
Text stammt aus den 1990er Jahren

. In diesem Beleg wird "anverwandeln" praktisch mit
"zu seinem Eigentum machen" gleichgesetzt.

Er bestätigt also die Interpretation "aneignen".

Einträge in einem aktuellen Wörterbuch:

Anverwandlung adaptation
Anverwandte relatives

Dies wirft auch die Frage auch, ob man hier vielleicht
"anverwandeln = sich verwandt machen" interpretieren darf.

Das Verb "anverwandeln" findet sich in jenem Wörterbuche
nicht. Ein weiterer Hinweise auf dessen Seltenheit.

Man kann aber vermutlich aus dem Wörterbucheintrag

Anverwandlung {f} adaptation noun

einen Eintrag

anverwandeln to adapt

konstruieren (adapt = anpassen, angleichen, bearbeiten).
Manfred Hoß
2019-02-06 19:33:42 UTC
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Post by Stefan Ram
Das Wort wird nur selten verwendet. Traditionalle
Schriftsteller scheinen es gar nicht zu verwenden.
Auf www.dwds.de findest du einige Belege mehr. Ich habe nur den kleinsten
Teil davon durchgelesen, aber bei denen ist damit "sich aneignen" gemeint.

Gruß
Manfred.
Manfred Hoß
2019-02-06 19:38:16 UTC
Permalink
Post by Stefan Ram
Das Wort wird nur selten verwendet. Traditionalle
Schriftsteller scheinen es gar nicht zu verwenden.
Auf www.dwds.de findest du einige Belege mehr. Ich habe nur den kleinsten
Teil davon durchgelesen, aber bei denen ist mit "anverwandeln" "sich
aneignen" gemeint, was deine Ansicht bestätigt.

Gruß
Manfred.
Roland Franzius
2019-02-06 15:20:52 UTC
Permalink
Post by Jakob Achterndiek
Nu ja: Manche mögen das.
Die in der NZZ schreibenden Kolleginnen jedenfalls haben immer nur die
Lisa Della Casa wahrgenommen, egal, welche Rolle die gerade zu singen
hatte. - Schade eigentlich. Aber bei Opernsängerinnen schafft offenbar
allein die Musik zwischen Aktrize und Rolle so viel Verfremdung, daß
da andere Maßstäbe gelten als bei Schauspielern.
Nun ja, entweder ist eine Rolle dem Opernsänger~innen auf den Leib
geschneidert, oder er^sie maßen sie sich an.

Jedenfalls existieren die berühmten Opernrollen nur in den
Ausdrucksformen, die die großen Sängeru°innen mithilfe von Regisseur_in
und Kostümbildner°in ihnen gegeben haben. Das ist in der Musik so üblich.
--
Roland Franzius
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