Discussion:
Weshalb Ostdeutschland sich zur Provokation entwickelt
(zu alt für eine Antwort)
Wandl Ernst
2018-09-05 18:11:08 UTC
Permalink
3.9.2018,
Alles beginnt mit Herkunft - weshalb Ostdeutschland sich
zur Provokation entwickelt

Die Ideologie des westdeutschen Neobiedermeiers kollidiert derzeit
mit dem Wunsch der Ostdeutschen nach einem einigen und demokra-
tischen Land: Für sie war die Wiedervereinigung eine Heimkehr,
eine Heimkehr nach Deutschland. Jetzt haben sie Angst, diese
Heimat wieder zu verlieren.

Etwas ganz und gar Überraschendes geschieht: Ostdeutschland
entwickelt sich immer stärker zur Land gewordenen Provokation,
zum Gegenentwurf gentrifizierter Hochburgen des westdeutschen
Juste-Milieu. Für die Bundesrepublik wird das «rückständige» Ost-
deutschland zum Motor der Modernisierung. Bereits aus der Ahnung
dieser Rolle der Region zwischen Oder und Elbe, zwischen Rügen
und Thüringer Wald wächst das Unbehagen des linksliberalen
Establishments; die deutsche Presse von der «TAZ» bis zur
«Süddeutschen Zeitung» wie auch die öffentlichrechtlichen
Sender ARD und ZDF kämpfen gegen den Verlust ihrer
Deutungshoheit mit immer gröberen Mitteln an.

Ostdeutsche kennen das, haben genügend Erfahrung damit gesammelt,
wenn Medien nicht mehr kritisch berichten, sondern propagieren, mo-
tivieren und erziehen wollen. Aus der Art der Darstellung vermögen
Ostdeutsche herauszulesen, was die Mächtigen möchten, hoffen
oder befürchten.
####
Als das DDR-Fernsehen 1989 ausführlich über die Niederschlagung
der Proteste am Platz des Himmlischen Friedens in Peking be-
richtete, die Filmbilder wie in einer Endlosschleife gesendet
wurden, wusste jeder in der DDR, dass das eine Warnung an das
eigene Volk und an die Opposition darstellte.
####
Die Grenzen machten die DDR zu einem Raum, sowohl die geschlos-
sene nach Westen als auch die bewachten, aber passierbaren zur
CSSR und zu Polen im Süden und Osten - was dem Homo sapiens
ostrozonalis häufig die Verachtung, zuweilen die Schmähung
der deutschen Linksliberalen einbringt. Diese träumen vom
Aufgehen der Bundesrepublik in der EU, davon, sich endlich
Deutschlands zu entledigen und in einem grenzenlosen Gebilde
anzukommen, von dem niemand so recht weiss, wie es aussehen soll.
Der Ostdeutsche dagegen besteht auf der Existenz Deutschlands.
Er empfindet sich als Deutscher wie der Franzose als Franzose,
der Italiener als Italiener und der Portugiese als Portugiese.
Es käme ihm nicht in den Sinn, Deutschland aufzugeben, hat er
doch im Gegensatz zum Westdeutschen gerade in einer räum-
lichen Abtrennung für diese Vergangenheit gebüsst.
#####
Die Ostdeutschen wissen auch ohne etymologische Herleitung,
dass Nation ein organisatorischer Ausdruck von Herkunft ist,
denn er leitet sich sprachhistorisch von «Geborenwerden»,
«Geburt», von dem lateinischen Verbalabstraktum zu nasci
(natus sum) her. Das Eigene zu verachten, so wird niemand gross.
Das Eigene zu erkennen, bleibt Aufgabe, solange man lebt. Es
klingt fast tautologisch, zu sagen, alles beginnt mit Herkunft.
Aber wenn das Offensichtliche vergessen wird, darf man die
Tautologie nicht scheuen, zumal in ihr die Logik besonders
zwingend wird. Herkunft findet immer in konkreten Räumen statt,
sozial, geistig, kulturell, topografisch. Besitzt zudem dieser
geistig-topografische Raum noch eine anhaltende Bedeutung für
die Gesellschaft als Ganzes, wird er sogar zum Residuum, zum
Widerstand und letztlich zum Impulsgeber der Res publica.

Mit der deutschen Vereinigung ging für viele Ostdeutsche ein
langgehegter Traum in Erfüllung, ein Traum, für den die Links-
liberalen, die Toskana-Fraktion und die Kaviar-Linken keinerlei
Verständnis aufbrachten.
####
Die Ideologie des westdeutschen Neobiedermeiers kollidiert
mit dem Wunsch der Ostdeutschen nach einem einigen und demo-
kratischen Deutschland. Um zu verstehen, wie gross das Un-
verständnis ist, muss man Ostdeutschland als geistigen Raum
begreifen. Aber Raumordnung ist den Linksliberalen ein Greuel.
Geopolitik ohnehin. In ihre elysischen Phantasien dringt der
simple Fakt nicht ein, dass niemand in Europa seinen Staat
aufgeben möchte und dass selbst in der globalisierten Welt
in Räumen und geopolitisch gedacht wird.

In ihrer Raumvergessenheit, in ihrer Vorstellung einer gren-
zenlosen Entgrenzung sind die deutschen Linksliberalen welt-
fremd und sogar europafremd. Sie sehen nicht einmal das
Offenkundige, dass, wenn Frankreich Europa sagt,
Frankreich Frankreich meint und Italien nicht minder und
dass überdies die Staaten Osteuropas, Polen, Tschechien,
Ungarn, nach jahrzehntelanger Fremdherrschaft endlich Herr
im eigenen Haus sein wollen und es nicht dulden, von einer
Handvoll Eurokraten im fernen Brüssel geschurigelt zu werden.
#####
Die Kämpfe in Chemnitz
Die Ostdeutschen lernten erstaunt, dass westdeutsche Eliten gar
nicht so liberal waren, wie sie zu sein vorgaben. Ihnen zeigte sich
wieder das hässliche Gesicht des Klassenkampfes. Wie aus der
DDR bestens bekannt, bezieht das linksliberale Neobiedermeier
seine Rechtfertigung aus der vermeintlich guten Sache, aus einer
höheren Moral, aus Weltoffenheit, aus Fortschrittlichkeit. Der
Kritiker, der Andersdenkende war plötzlich der Klassenfeind.
Dass eine realistische Problemanalyse mit einem apodiktischen
«Wir schaffen das» obsolet gemacht wurde, dass eine Regierung
angesichts der tiefgreifenden Veränderung keine Antworten anbietet,
wird in ganz Deutschland zu heftigen Auseinandersetzungen wie
jüngst in Chemnitz führen. Denn die Stärkung der Ränder kann
man nicht nur in Chemnitz oder in Sachsen, sondern im ganzen
Land beobachten, zumal «Demonstranten» des linksextremen und
des rechtsextremen Spektrums auch aus anderen Bundesländern
anreisten, um in der sächsischen Stadt ihre Kämpfe auszutragen.
###
Die Bürger spüren, dass sie das, was für sie Herkunft, Heimat,
Identität ist, verlieren. Sie erkennen, dass Prozesse in Gang
gesetzt werden, bei denen sie keiner gefragt hat, ob sie das
wollen. Die Erinnerung an die DDR kehrt mit Macht zurück,
weil die Geschichte der DDR eine unerlöste ist.

Die Ostdeutschen stellen mit Erschrecken fest, dass das neue
Deutschland der alten DDR immer ähnlicher wird, wenn die
Eliten auf obrigkeitsstaatliche Mittel und Strukturen setzen,
weil sie der Probleme nicht mehr Herr werden. Der Klassenfeind,
der Rechte, der Populist, der Reaktionär ist vor allem die
Gestalt des eigenen Versagens. Fiel in der DDR die Kartoffel-
ernte schlecht aus, war der Klassenfeind, die Bonner Ultras
und Reaktionäre, die heimlich Kartoffelkäfer ausgesetzt
hatten, schuld.

Die Erfahrung der Diktatur, der fehlenden Meinungsfreiheit,
der fehlenden Demokratie, der Allgewalt der Propaganda, der
Verteufelung und Diskriminierung des politisch Andersdenkenden
wird in einer Situation aktiviert, in der die Gegenwart Züge der
Vergangenheit annimmt. Die unerlöste Geschichte Ostdeutschlands
wird zum Wiedergänger und drängt auf ihre Erlösung. Diese
Erlösung wird die Gesellschaft modernisieren. Der Dichter
Heiner Müller sprach von der Befreiung der Toten.
Geschichte ist zurückgekehrt - das ist eigentlich alles.
Quelle:
https://www.nzz.ch/feuilleton/alles-beginnt-mit-herkunft-weshalb-ostdeutschland-sich-zur-provokation-entwickelt-ld.1415437
kurz: https://bit.ly/2oJceQz

10 Plus-Punkte für die NZZ, fuer die Veröffentlichung
dieses Essays. Hat mich echt positiv überrascht!
Ernst Schaufel
2018-09-05 18:52:49 UTC
Permalink
Post by Wandl Ernst
https://www.nzz.ch/feuilleton/alles-beginnt-mit-herkunft-weshalb-ostdeutschland-sich-zur-provokation-entwickelt-ld.1415437
kurz: https://bit.ly/2oJceQz
10 Plus-Punkte für die NZZ, fuer die Veröffentlichung
dieses Essays. Hat mich echt positiv überrascht!
Mit solchen super Artikeln fängt man Leser, aber nicht mit der
verblödenden Merkelpropaganda in allen BRD-Massenmedien.

Danke Schweiz, dass es bei Euch noch eine lesbare Presse gibt.

Ernst
Carsten Thumulla
2018-09-06 01:21:07 UTC
Permalink
Post by Wandl Ernst
Für sie war die Wiedervereinigung eine Heimkehr,
eine Heimkehr nach Deutschland.
Blödsinn!
Post by Wandl Ernst
Jetzt haben sie Angst, diese
Heimat wieder zu verlieren.
Das ist keine Heimat, das ist ein verlogender Drecksstall. Karl-Eduard
hatte recht
Post by Wandl Ernst
gentrifizierter Hochburgen des westdeutschen Juste-Milieu
Motor der Modernisierung
linksliberalen
Establishments; die deutsche Presse von der «TAZ» bis zur
«Süddeutschen Zeitung» wie auch die öffentlichrechtlichen
Sender ARD und ZDF kämpfen gegen den Verlust ihrer
Deutungshoheit mit immer gröberen Mitteln an.
Blabblababel -- versuche es mit Deutsch, mit klarem Deutsch oder
beglücke die Philosophen!


Sinnlosfup wegen Gruppenzahl


ct
Jan Bruns
2018-09-07 20:53:19 UTC
Permalink
Post by Carsten Thumulla
linksliberalen Establishments;
Establishment?

Also momentan sind hier im Westen überall ganz klar und überdeutlich
quasi ausschliesslich Opportunisten am Werk. Eben diese typisch deutsche,
abgesehen von einem kaptitalistischen Nationaldenken weitestgehend
prägungslose deutsche Masse mit Hang zur Simplifizierung, deren
kulturelles Bildungsniveau gerade dazu ausreicht, den Vorwurf einer
Interessen- und Gewissenlosigkeit als Beschimpfung zu identifizieren, und
anhand je dreier Gegenbeispiele zu entkräften.

Immergleiche Tellerränder erwecken über den Umweg der Stifung einer
Illusion von Menschlichkeit und Verwurzelung die Sympathie des Volkes.

Innerhalb dieser Grenzziehung aber wird auch ein als "linksliberal"
eingeordneter Bereich existieren. Möglicherweise werden damit sogar
tatsächlich Fragmente von Weltoffenheit, höherer Moral und/oder
Fortschirittsdenken verbunden, z.B. weil der alltägliche Umgang mit
Mitmenschen nicht selten auch ein Erfolgserlebnis bei der Anwendung
solcher Denkmuster beschert.
Post by Carsten Thumulla
die deutsche Presse von der «TAZ» bis
zur «Süddeutschen Zeitung» wie auch die öffentlichrechtlichen Sender
ARD und ZDF kämpfen gegen den Verlust ihrer Deutungshoheit
Ich beobachte eigentlich eher das Gegenteil. Dem Volk ist es heute viel
zu anstrengend, ständig selbst zu denken und zu bewerten, oder gar der
Mainstreamdeutung widersprechende Einordnung vorzunehmen. Vielmehr wird
wohl alles gerade so weggesteckt, wie es dargestellt wurde. Allerdings
ohne dieser Einordnung auch Relevanz zuzuordnen (sofern die Präsentation
nicht ausdrücklich die Relevanz hervorgehoben hat).
Post by Carsten Thumulla
mit immer gröberen Mitteln an.
Blabblababel -- versuche es mit Deutsch, mit klarem Deutsch oder
beglücke die Philosophen!
Ja, verstehe ich auch schlicht nicht.

Gruss

Jan Bruns
k***@gmail.com
2018-09-08 02:12:46 UTC
Permalink
Post by Jan Bruns
prägungslose deutsche Masse mit Hang zur Simplifizierung
(.. gemein und hübsch)
Tatsächlich kann (selbst hier in Sachsen) noch immer ein jeder selbst
über das Spektrum an meinungsbildender Presse bestimmen, die er sich
zu Gemüte führt.
Das stetige Lamento über die Medien ist wohl vielmehr, was der Psychologe
,Übertragung' nennt.

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