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eine Frage zur Dichtung
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Stefan Ram
2019-03-06 03:35:04 UTC
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Gottfried Benn schrieb in einem Gedicht sinngemäß,
daß es schlimm sei zu einer Zeit zu sterben,
in welcher das Graben schwer ist und es dunkel ist
(ich nehme an: er meint den Winter).

Ich habe dies immer so verstanden, daß dies für den
Sterbenden schlimm ist. Aber warum sollten den
Sterbenden etwaige Schwierigkeiten von Grabarbeitern
schaden oder bekümmern?

Die ersten drei Strophen thematisieren alle, daß
es schlimm ist, etwas bestimmtes Schönes nicht
haben oder tun zu können.

Die vierte Strophe fällt dann schon aus der Reihe,
indem sie anstatt einer Unerreichbarkeit nur erwähnt,
daß es schlimm ist, (wenn einem bewußt wird, )
daß Wellen immer schlagen. Was soll daran schlimm sein?

Die fünfte Strophe ist dann wieder eher mit den
ersten drei vereinbar: Hier ist es das eigene Heim
das, was man nicht erreichen kann, wenn man einer
lästigen Einladung gefolgt ist.

Dann folgt schließlich die letzte Strophe, die
es - wie eingangs angesprochen - als Gipfel des
Leids herausstellt, wenn das Graben des eigenen
Grabes schwierig ist und nicht im Hellen erfolgt.
Da der Tote dann aber schon tot ist, kann ihm
das meiner Meinung nach egal sein.¹ Also, warum
sollte es schlimm für ihn sein?

¹ Dieser Gedanke wird auch von Jaime in "Game of Thrones"
ausgedrückt, der zu Cersei in bezug auf Myrcella sagt:
"She's not suffering, she's gone.".
Stefan Ram
2019-03-12 00:36:42 UTC
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Post by Stefan Ram
Da der Tote dann aber schon tot ist, kann ihm
das meiner Meinung nach egal sein.¹ Also, warum
sollte es schlimm für ihn sein?
Falls niemand mehr etwas dazu schreiben will, kann ich dann
eine von mir erdachte Interpretationsmöglichkeit mitteilen,
derer ich mir aber nicht sicher bin:

Ein wichtiger und großer Teil der Dichtung schildert die
Welt aus der Perspektive eines "gezeichneten Ichs". Dies
geschieht auch in diesem Gedicht in den ersten Strophen.

Aber sobald der Mensch tot ist, gibt es diese Perspektive
nicht mehr. Daher kann der lebende Mensch die zukünftige Welt
nach seinem Tod nur noch aus der Perspektive anderer begreifen,
wie beispielsweise aus der Perspektive der Totengräber.
Jakob Achterndiek
2019-03-12 08:44:17 UTC
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Post by Stefan Ram
Da der Tote dann aber schon tot ist, kann ihm
das meiner Meinung nach egal sein.¹ Also, warum
sollte es schlimm für ihn sein?
Falls niemand mehr etwas dazu schreiben will, [..]
Ich tät ja wollen, aber ich hatte auf die schnelle den Text nicht
gefunden und später die Sache aus den Augen verloren. Bitte schick
mir doch das Gedicht einfach mal in einer Email, falls du es hier
nicht hineinsetzen magst.

Freundliche Grüße
j/\a
--
Roland Franzius
2019-03-12 09:35:49 UTC
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Post by Stefan Ram
Gottfried Benn schrieb in einem Gedicht sinngemäß,
daß es schlimm sei zu einer Zeit zu sterben,
in welcher das Graben schwer ist und es dunkel ist
(ich nehme an: er meint den Winter).
Ich habe dies immer so verstanden, daß dies für den
Sterbenden schlimm ist. Aber warum sollten den
Sterbenden etwaige Schwierigkeiten von Grabarbeitern
schaden oder bekümmern?
Die ersten drei Strophen thematisieren alle, daß
es schlimm ist, etwas bestimmtes Schönes nicht
haben oder tun zu können.
Die vierte Strophe fällt dann schon aus der Reihe,
indem sie anstatt einer Unerreichbarkeit nur erwähnt,
daß es schlimm ist, (wenn einem bewußt wird, )
daß Wellen immer schlagen. Was soll daran schlimm sein?
Die fünfte Strophe ist dann wieder eher mit den
ersten drei vereinbar: Hier ist es das eigene Heim
das, was man nicht erreichen kann, wenn man einer
lästigen Einladung gefolgt ist.
Dann folgt schließlich die letzte Strophe, die
es - wie eingangs angesprochen - als Gipfel des
Leids herausstellt, wenn das Graben des eigenen
Grabes schwierig ist und nicht im Hellen erfolgt.
Da der Tote dann aber schon tot ist, kann ihm
das meiner Meinung nach egal sein.¹ Also, warum
sollte es schlimm für ihn sein?
¹ Dieser Gedanke wird auch von Jaime in "Game of Thrones"
"She's not suffering, she's gone.".
Im Gegensatz zum Usenet-Komprimator ist dem Dichter sein einziges
Lebens-Ziel in der kurzen Spanne Zeit, in der er hernieden in Dreck und
Armut schreibt und verscuht , gedruckt zu werden, durch seine Verse im
Sprachgedächtnis seines Volkes zur Unsterblichkeit zu gelangen.

Gottfried Benn hat es sich als Dichterürst ähnlich Hauptmann gleich
dreifach versaut.

Erst hat er die nationalsozialistische Revolution gegen die Emigranten
vehement verteidigt, dann hat er sich als Opfer stilisiert, als die
Nazis dennoch seine "Gossenpoesie" verboten haben und dann, 1948, als er
dachte, er könne wieder in seine Weimarer Position als größter deutscher
Poet der 1929-er Moderne einrücken, musste er feststellen, dass ihn nun
wirklich keiner mehr mochte. Seine autobiografischen Bemerkungen dazu
aus dem Jahr lassen jedes Empfinden für das Leid der andern in Diktatur
und Krieg vermissen, es gibt nur Selbstmitleid.

Da er mit dieser Haltung dann aber den Nerv der Zeit der Verdrängung in
der BRD der Adenauer-Ära traf, war er alsbald wieder bis zu seinem Tod
ein schulbuchpflichtiger Poet und Büchner-Preisträger und hat seine
Begräbnisphase vermutlich schnell vergessen.

In der 13ten Klasse empfand ich das, was wir da interpretieren sollten,
als rythmisch und klanglich gut intonierten, assoziativen Schwachsinn,
aber unser Deutschlehrer hatte eh für meine ungehobelten
Interpretationen von Heine bis Benn wenig übrig.
--
Roland Franzius
Stefan Ram
2019-03-12 13:05:12 UTC
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Post by Roland Franzius
In der 13ten Klasse empfand ich das, was wir da interpretieren sollten,
als rythmisch und klanglich gut intonierten, assoziativen Schwachsinn,
"rhythmisch"
Post by Roland Franzius
aber unser Deutschlehrer hatte eh für meine ungehobelten
Interpretationen von Heine bis Benn wenig übrig.
Bei mir war es so: Als ich meiner Deutschlehrerin gegenüber
einmal in bezug auf Benn den Begriff "innere Emigration"
verwendete, vertrat diese eher Deinen Standpunkt, das heißt:
sie war schlecht auf ihn zu sprechen und verurteilte ihn.
"Innere Emigration" war für sie eine Art von Ausrede oder
unakzeptabler Rechtfertigungsversuch.

Das besondere an der Dichtung ist ja das, was Du
"r[h]ythmisch und klanglich gut intoniert" nennst. Da sollte
man im Unterricht vielleicht mehr drauf eingehen. Wenn man
versucht durch "Interpretation" den "Inhalt" eines Gedichtes
zu extrahieren, geht vielleicht gerade das Wesentliche dabei
verloren.

Für Laien scheint der "Inhalt" zugänglicher als Metrik und
Reim, vielleicht weil "Inhalt" etwas ist, das sie schon zu
kennen glauben. Die Deutschlehrer machen es sich vielleicht
einfach, wenn sie dies durch "Interpretation" noch fördern,
weil sie einen schwierigeren Stand vor der Klasse hätten,
wenn sie formale Aspekte (wie Metrik und Reimschema) stärker
behandeln würden.

Wenn ich mich recht erinneren, haben wir im
Deutschunterricht beispielsweise nie gelernt, was ein
"Jambus" ist. (Oder vielleicht hat es mich damals so wenig
interessiert, daß ich es geistig ausgeblendet habe und mich
deshalb jetzt nicht daran erinnere?)

Mit "lernen" meine ich auch richtig mit benoteten Tests,
wo man Jamben in Versen erkennen soll und so weiter. Heute
finde ich so etwas wichtig. Damals, als Schüler, hätte ich
vielleicht heftig dagegen protestiert.
Jakob Achterndiek
2019-03-12 13:41:48 UTC
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Post by Stefan Ram
Das besondere an der Dichtung ist ja das, was Du
"rhythmisch und klanglich gut intoniert" nennst. Da
sollte man im Unterricht vielleicht mehr drauf eingehen.
Das folgende kennst du?
Das ist reinste Poesie!
Nur Rhythmus und Klang der Stille
und ganz ohne störenden Inhalt:

Fisches Nachtgesang
-
U U
- - -
U U U U
- - -
U U U U
- - -
U U U U
- - -
U U U U
- - -
U U
-
--
j/\a
Christina Kunze
2019-03-12 14:37:21 UTC
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Post by Stefan Ram
Das besondere an der Dichtung ist ja das, was Du
"r[h]ythmisch und klanglich gut intoniert" nennst.
Es gehört allerdings auch sinnvoller Inhalt dazu.
Rhythmisch und klanglich gut intoniert ist auch "Eene meene muh, und
raus bist du".

Ein bisschen mehr darf man da von einem Dichter schon erwarten.

Christina

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