Discussion:
Zeichensetzung für einen Einschub
(zu alt für eine Antwort)
Matthias Opatz
2018-05-16 09:07:02 UTC
Permalink
Raw Message
Auf der MDR-Website wird eine Frage an einen Interviewpartner
wie folgt wiedergegeben:

| Herr Scheck, was würden Sie sagen, ist das Geheimnis der Bestsellerliste?
<https://www.mdr.de/kultur/dennis-scheck-sinn-und-unsinn-von-bestsellerlisten-100.html>

Ich bin da gestolpert, weil ich nach "was würden sie sagen" eine andere
Satzfortsetzung erwartet hätte (oder ich hätte die obige Fortsetzung mit
einem weiteren "was" eingeleitet).

Ein weiteres Komma zwischen "was" und "würden sie sagen" macht für mich
aber den Einschub zu einer irgendwie unvollständigen Phrase.

Mündlich (mit kurzen Pausen vor und nach "würden sie sagen") ist der Satz
für mich eigentlich unauffällig. Man müsste ihn also auch ohne Änderungen
am Wortlaut richtig niederschreiben können. Aber wie ist es richtig?

Matthias
H.-P. Schulz
2018-05-16 11:31:39 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Matthias Opatz
Auf der MDR-Website wird eine Frage an einen Interviewpartner
| Herr Scheck, was würden Sie sagen, ist das Geheimnis der Bestsellerliste?
<https://www.mdr.de/kultur/dennis-scheck-sinn-und-unsinn-von-bestsellerlisten-100.html>
Ich bin da gestolpert, weil ich nach "was würden sie sagen" eine andere
Satzfortsetzung erwartet hätte (oder ich hätte die obige Fortsetzung mit
einem weiteren "was" eingeleitet).
Ein weiteres Komma zwischen "was" und "würden sie sagen" macht für mich
aber den Einschub zu einer irgendwie unvollständigen Phrase.
Ja klar, aber das macht doch nichts. Dieser Einschub ist doch völlig
inhaltslos, reines Verbindlichkeits- und Aufmerksamkeits-Signal.

Jedenfalls tät ich 's genau so machen.

Zur Wahl stände allenfalls noch die Parenthese, also ich meine die
Minusse. (Heißt das denn überhaupt 'Parenthese'?)
Christian Weisgerber
2018-05-16 22:25:09 UTC
Permalink
Raw Message
Post by H.-P. Schulz
Post by Matthias Opatz
| Herr Scheck, was würden Sie sagen, ist das Geheimnis der Bestsellerliste?
Ein weiteres Komma zwischen "was" und "würden sie sagen" macht für mich
aber den Einschub zu einer irgendwie unvollständigen Phrase.
Ja klar, aber das macht doch nichts. Dieser Einschub ist doch völlig
inhaltslos, reines Verbindlichkeits- und Aufmerksamkeits-Signal.
Zur Wahl stände allenfalls noch die Parenthese, also ich meine die
Minusse. (Heißt das denn überhaupt 'Parenthese'?)
Eine Parenthese (Schaltsatz) ist ein syntaktisch eigenständiger
Satz, der in einen anderen Satz eingeschoben wird. Mit welchen
Satzzeichen man ihn abgrenzt – Komma, Gedankenstrich, Klammer –
spielt dafür keine Rolle.
--
Christian "naddy" Weisgerber ***@mips.inka.de
Christian Weisgerber
2018-05-16 22:19:31 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Matthias Opatz
| Herr Scheck, was würden Sie sagen, ist das Geheimnis der Bestsellerliste?
Ich bin da gestolpert, weil ich nach "was würden sie sagen" eine andere
Satzfortsetzung erwartet hätte (oder ich hätte die obige Fortsetzung mit
einem weiteren "was" eingeleitet).
Ein weiteres Komma zwischen "was" und "würden sie sagen" macht für mich
aber den Einschub zu einer irgendwie unvollständigen Phrase.
Handelt es sich überhaupt um einen Einschub?

Ich betrachte das wieder, ’Tschuldigung, mit Seitenblick aufs Englische:

Wer(,) glaubst du, schrieb den Brief?
Who do you think wrote the letter?

Sind diese beiden Sätze gleichartig konstruiert? Ein Einschub würde
im englischen Satz keiner Subjekt-Hilfsverb-Inversion unterliegen.

Ich kann im Grammatikduden nichts zu dieser Art von Satz finden.
--
Christian "naddy" Weisgerber ***@mips.inka.de
Ralf Joerres
2018-05-17 15:42:01 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Christian Weisgerber
Post by Matthias Opatz
| Herr Scheck, was würden Sie sagen, ist das Geheimnis der Bestsellerliste?
Ich bin da gestolpert, weil ich nach "was würden sie sagen" eine andere
Satzfortsetzung erwartet hätte (oder ich hätte die obige Fortsetzung mit
einem weiteren "was" eingeleitet).
Ein weiteres Komma zwischen "was" und "würden sie sagen" macht für mich
aber den Einschub zu einer irgendwie unvollständigen Phrase.
Handelt es sich überhaupt um einen Einschub?
Wer(,) glaubst du, schrieb den Brief?
Who do you think wrote the letter?
Sind diese beiden Sätze gleichartig konstruiert? Ein Einschub würde
im englischen Satz keiner Subjekt-Hilfsverb-Inversion unterliegen.
Ich kann im Grammatikduden nichts zu dieser Art von Satz finden.
Ich bin mal die ganzen Querverweise zu 'Einschub' in der 2006er Duden-
Grammatik durchgegangen: Fehlanzeige.

Das Muster des Ausgangsbeispiels auf Deinen Satz übertragen ergäbe

Wer, würdest du glauben, schrieb den Brief?

Er erscheint mir etwas akzeptabler als Mathias' "Herr Scheck, was würden
Sie sagen, ist das Geheimnis der Bestsellerliste?", weil er syntatktisch
nicht als so ein Escher-Satz* missverstanden werden kann, bei dem rechte
und linke Seite nicht zu einem möglichen Satz zusammengefügt werden können.

* https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcQSdqpRXS63NDbblRil6UPvpbZq_fzQXeeBPRvLo2KK1juzpncn

Denn 'was würdest du glauben' wäre bereits ein korrekter Satz,
'wer (,) würdest du glauben' nicht, es muss ein Einschub sein.

Verblüffend ist, dass Matthias' Satz mündlich funktioniert. Aber mündlich
kann man auch über die eingeschobene Pause hinaus durch eine andere Stimm-
lage und zurückgenommene Lautstärke kenntlich machen, dass es sich um einen
Einschub handeln soll, schriftlich ließe sich das andeuten durch eine
kleinere Schrift oder Tiefstellung, doch dafür gibt es keine Konvention.

Die Struktur der Einschübe entspricht den an direkte Rede angehängten
'... sagte er', bei denen die 'zitierten' Sätze das Objekt darstellen
und das Verb die normale Position eines Verbs im Verbzweitsatz hat.
Diese Sätze lassen sich parenthetisch weiter nach vorne holen:

bitte - sagte sie - komm nicht wieder so spät nach Hause.

Eine Erweiterung mit Modalverb erscheint mir unproblematisch, auch in
einer Frage:

was - wollte ich sagen - hat das alles zu bedeuten?

Jetzt mal mit Matthias' Struktur:

was - würden Sie sagen - hat das alles zu bedeuten?

Vielleicht hilft also ein überdeutliches Markieren der Einschub-
Eigenschaft?

[Auch unter 'Zitier...' und 'direkte/wörtliche Rede' hab ich im
Grammatikduden nichts gefunden.]

Gruß Ralf Joerres
Stefan Ram
2018-05-17 19:34:07 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Ralf Joerres
Das Muster des Ausgangsbeispiels auf Deinen Satz übertragen ergäbe
Wer, würdest du glauben, schrieb den Brief?
Hier gilt die Generalregel:

|Alles, was den ungehemmten Fluß eines Satzes unterbricht - Aufzäh-
|lungen von Wörtern der gleichen Wortart, herausgehobene Satzteile,
|Einschübe, nachträgliche Zusätze oder die Angabe eines Gegensatzes -
|wird durch den Beistrich abgetrennt.

Der Satz ist: "Wer schrieb den Brief?".

Er wird durch den Einschub "würdest Du glauben" unterbrochen.

Also Kommas.

Formeller:

|Von wem würdest Du glauben, daß er den Brief schrieb?
Stefan Ram
2018-05-17 20:42:23 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Stefan Ram
|Alles, was den ungehemmten Fluß eines Satzes unterbricht - Aufzäh-
Hier noch ein ähnliches Beispiel aus einer
vertrauenswürdigen Quelle:

|Wann, schätzen Sie, sind Sie fertig?

.
Christian Weisgerber
2018-05-17 20:31:44 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Ralf Joerres
Post by Christian Weisgerber
Post by Matthias Opatz
| Herr Scheck, was würden Sie sagen, ist das Geheimnis der Bestsellerliste?
Wer(,) glaubst du, schrieb den Brief?
Who do you think wrote the letter?
Sind diese beiden Sätze gleichartig konstruiert? Ein Einschub würde
im englischen Satz keiner Subjekt-Hilfsverb-Inversion unterliegen.
Wer, würdest du glauben, schrieb den Brief?
Denn 'was würdest du glauben' wäre bereits ein korrekter Satz,
'wer (,) würdest du glauben' nicht, es muss ein Einschub sein.
„Who do you think“ auch nicht, aber die do-Periphrase spricht wie
gesagt gegen einen Einschub.
(„Who do you think?“ gibt es also Echo-Frage. Andere Baustelle.)
Post by Ralf Joerres
Verblüffend ist, dass Matthias' Satz mündlich funktioniert.
Ich habe überhaupt keinen Zweifel an der Korrektheit des von Matthias
gefundenen Satzes. Ich weiß nur nicht, wie ich ihn syntaktisch
analysieren soll, und daher auch nicht, was die korrekte Zeichensetzung
ist.
Post by Ralf Joerres
Die Struktur der Einschübe entspricht den an direkte Rede angehängten
'... sagte er', bei denen die 'zitierten' Sätze das Objekt darstellen
und das Verb die normale Position eines Verbs im Verbzweitsatz hat.
Nicht im Englischen, wo der angehängte oder eingeschobene Begleit-
satz zwar Subjekt-Verb-Inversion zeigen kann, aber eben _keine_
do-Periphrase.

“We are going to win”, said Bill.
Post by Ralf Joerres
was - würden Sie sagen - hat das alles zu bedeuten?
Vielleicht hilft also ein überdeutliches Markieren der Einschub-
Eigenschaft?
Wenn ich mich unbedingt festlegen müsste, würde ich den Satz auch
als so gebildet auffassen und entsprechend zwei Kommas oder
Gedankenstriche setzen. Mich irritiert nur, dass oberflächlich sehr
ähnliche Sätze im Englischen eine andere syntaktische Struktur
aufweisen müssen.
--
Christian "naddy" Weisgerber ***@mips.inka.de
Loading...