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'seinem Verdienst zuzuschreiben': Stilfigur?
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Ralf Joerres
2018-07-07 12:03:25 UTC
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Es gibt diverse Möglichkeiten sprachlichen Danebengehens. Manchmal
sind sie gewollt, etwa, um Komik zu erzeugen. Einige sind als Stilfiguren
kategorisiert: reinen Tisch einschenken > Katachrese.

Gibt es für 'das ist seinem Verdienst zuzuschreiben' auch eine
Bezeichnung als Stilfigur?

Ich glaube, es war Karl Valentin, der zu dieser Grundidee einen Drilling
erfunden hat: 'Wie teuer kostet der Preis?'

Gruß Ralf Joerres
Stefan Ram
2018-07-07 12:24:45 UTC
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Post by Ralf Joerres
Gibt es für 'das ist seinem Verdienst zuzuschreiben' auch eine
Bezeichnung als Stilfigur?
Ich denke, es geht Dir um etwas wie "Die Temperatur wird
heißer.", wo es entweder heißen müßte: "Die Materie wird
heißer." oder "Die Temperatur steigt.".

Hier kenne ich keinen genauen Begriff. Ein passender
Oberbegriff könnte "Versprecher" sein.

Technisch kann man von einer "Substitution" und einem
"Wortfehler" (falsches Wort) oder "Wortwahlfehler" sprechen:
das richtige Wort wird durch ein falsches ("Verdienst")
ersetzt. Eventuell von einer "semantischen Antizipation"
(Die Bedeutung von "zuschreiben" wird in "Verdienst" schon
vorweggenommen).

Aber das sind alles nur Oberbegriffe, einen genau passenden
Begriff kenne ich nicht.

(Der Begriff "Kontamination" bezieht sich wohl eher auf
morphologische Fehler bei der Bildung eines einzelnen Wortes.)
Stefan Ram
2018-07-07 16:31:47 UTC
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Post by Stefan Ram
Post by Ralf Joerres
Gibt es für 'das ist seinem Verdienst zuzuschreiben' auch eine
Bezeichnung als Stilfigur?
Ich denke, es geht Dir um etwas wie "Die Temperatur wird
heißer.", wo es entweder heißen müßte: "Die Materie wird
heißer." oder "Die Temperatur steigt.".
Eventuell auch "Kategorienfehler":

|Alternativ kann man K. beschreiben als Anwendung von
|Prädikaten auf solche Gegenstände, die nicht zum Bereich
|der sinnvollen Verwendung dieser Prädikate (range of
|significance) gehören.
Webseite zu Kategorienfehlern

. Das ist allerdings auch ein Oberbegriff, da es sich hier
um eine besondere Form eines Kategoriefehlers handelt, bei
der einer Eigenschaft dieselbe Eigenschaft erneut
zugeschrieben wird.

Beispielsweise wird in "die Temperatur ist heißer" einer
Temperatur eine Temperatur zugeschrieben. Aber es ist ein
physikalisches System, das eine Temperatur haben kann, nicht
eine Temperatur. Ein Temperatur hat selber keine Temperatur.

"Heißer" impliziert, daß sein Träger ein physikalisches
System ist. "zuzuschreiben" impliziert oben, daß sein Träger
eine Person ist. Das Verdienst einer Person kann selber
kein Verdienst haben (in gewissen Fällen schon, aber das
ist oben nicht gemeint).
Gunhild Simon
2018-07-08 13:57:16 UTC
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...Katachrese*** ......
Gibt es für 'das ist seinem Verdienst zuzuschreiben' auch eine
Bezeichnung als Stilfigur?
...
Meiner bescheidenden Einschätzung nach handelt es sich
dabei eher um eine unbeabsichtigte Komik:

es ist ihm zuzuschreiben = es ist sein Verdienst

Die Wendung wirkt auf mich wie eine ungewollte Verdoppelung,
entstanden aus dem Wunsch, seiner Rede bildungssprachliches
Niveau und Gewicht zu verleihen.

Ich finde keine passende rhetorische Figur dazu.
Denn beide, Oxymoron* und Paradoxon**, erfordern bewußten
Einsatz eines Widerspruchs.

Gruß
Gunhild

*Oxymoron
Oft scharfsinnige, manchmal auch witzige Verbindung widerstreitender Begriffe.

**Paradoxon
Scheinbarer Widerspruch der miteinander verbundenen Begriffe; durch Verblüffung soll der gewünschte Effekt erreicht werden.

Und weil der Begriff genannt wurde:
***Katachrese
Missbrauch eines Wortes oder Ausdrucks in einem nicht dazu passenden
Satz; sehr bildhaft, gelegentlich provozierend

https://www.landsiedel-seminare.de/rhetorik/rhetorik.html#stilmittel-rhetorik
Tom Bola
2018-07-08 14:05:07 UTC
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Post by Gunhild Simon
...Katachrese*** ......
Gibt es für 'das ist seinem Verdienst zuzuschreiben' auch eine
Bezeichnung als Stilfigur?
...
Meiner bescheidenden Einschätzung nach handelt es sich
es ist ihm zuzuschreiben = es ist sein Verdienst
Die Wendung wirkt auf mich wie eine ungewollte Verdoppelung,
entstanden aus dem Wunsch, seiner Rede bildungssprachliches
Niveau und Gewicht zu verleihen.
Ich finde keine passende rhetorische Figur dazu.
Denn beide, Oxymoron* und Paradoxon**, erfordern bewußten
Einsatz eines Widerspruchs.
Mir fällt dazu spontan zu, dass der Zuschreiber
(oder eben die Zuschreibende) ihreine Zuordnung
wohl nur widerwillig vornimmt, im Sinne von
"diesmal hat ersie noch mal Glückgehabt".
Holger Marzen
2018-07-08 14:22:06 UTC
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Post by Gunhild Simon
...Katachrese*** ......
Gibt es für 'das ist seinem Verdienst zuzuschreiben' auch eine
Bezeichnung als Stilfigur?
...
Meiner bescheidenden Einschätzung nach handelt es sich
es ist ihm zuzuschreiben = es ist sein Verdienst
Die Wendung wirkt auf mich wie eine ungewollte Verdoppelung,
entstanden aus dem Wunsch, seiner Rede bildungssprachliches
Niveau und Gewicht zu verleihen.
Ich finde keine passende rhetorische Figur dazu.
Denn beide, Oxymoron* und Paradoxon**, erfordern bewußten
Einsatz eines Widerspruchs.
„Weißer Schimmel“ passt auch nicht, weil es keine reine Verdopplung ist.
Und nach und nach erkenne ich schon einen Sinn in dieser Konstruktion.

- Es ist sein Verdienst, dass das Projekt erfolgreich beendet wurde.
- Es ist seinem Verdienst zuzuschreiben, dass er eine großzügige Prämie
bekam.

- Es ist sein Verdienst, dass er eine großzügige Prämie bekam.
Das wäre auch möglich, klingt aber mehr danach, dass er seine
Führungskraft mit dem Ziel beschwatzt hat, eine Prämie zu bekommen –
auch wenn er sonst nichts geleistet hat.

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