Discussion:
Diese besondere Sorte Spitzfindigkeit
(zu alt für eine Antwort)
H.-P. Schulz
2017-08-20 17:59:21 UTC
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Raw Message
In der Werbung, in Geschäft anbahnenden Statements, in Inhalts- oder
Leistungs-Deklarationen auch ...

Immer wird dem Normalverstand (und erst recht dem leicht unter
normalen) etwas suggeriert, das sich dann später als
nichtderfallseiend bzw. sonichtverstehengedurfthabend erweist.

Mal ein Beispiel:

Werbung (Reklame) für irgend einen Kommunikationsdienst, genaueres
egal; da heißt es dann "übrigens: Sie können den Vertrag jederzeit
auch wieder kündigen," - - - was der Normalverstand natürlich dahin
gehend verstehen will (und dieses Verständnis ist selbstverständlich
auch seitens der Macher des Textes intendiert!), dass man das
Vertragsverhältnis jederzeit, sozusagen *fristlos*!, beenden kann.
In Wahrheit sagt der Satz, *genau* (eben auf jene "spitzfindige",
nämlich un-suggestive Weise gesehen) genommen, etwas völlig Banales,
sowiso Klares aus, nämlich dass man jederzeit eine Kündigung
*einreichen* kann. Die Kündigungsfrist, Vertragsmindstlaufzeit u.ä.
ist dann ganz wie branchenüblich.

Anderes Beispiel:

"0% Zins" wird oft bei Ratenkauf-Optionen ausgeschrieen. Man soll
denken: Man zahlt nichts extra, zB 1000 Euro in zehn Raten à 100 Euro,
und das war 's. Weit gefehlt! "0% Zins" sagt etwas über den
KreditZINS, aber nichts über die _Bearbeitungsgebühr_ (... und noch
diese Abgabe, jene Steuer, und noch 'n Disagio, und noch die
Igelgebühr ...)! Und die kann mitunter ganz saftig sein, und zwar
auch, und gerade, bei "0% Zins"-Geschäften!

Ein Drittes:
Wer kommt, wenn er eine Ingredienzendeklaration liest, auf die Idee,
dass "ohne Konservierungsstoffe" *nicht* dasselbe ist wie "frei von
Konservierungsstoffen"

So Sachen.

Wie heißt sowas korrekt?
Trickserei? Nepp? Merktschreierei?
Betrug im engeren - strafrechtlichen - Sinn ist ja auch nicht - genau
darauf wird ja bei der Konstruktion dieser Texte peinlich geachtet.
Mir fehlt für diese Textsorte (ist es überhaupt eine Textsorte im
enegeren, wissenschaftlichen Sinne?) der Name.

Nochmal, möglichst konzis formuliert:
Das "Spiel" mit der Diskrepanz zwischen
gutgläubig-oberflächlich-kolloquialem Alltagsverstand
und
spitzem, rabulistischen Genaunehmen nebst unüblicher, aber möglicher
Rechtsinterpretation

oder so

Die Diskussion, ob eine Welt, in welcher dergleichen nicht existierte,
eine bessere wäre, wäre in desd OT, obgleich vielleicht nicht
uninteressant. :)
U***@web.de
2017-08-20 18:11:30 UTC
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Raw Message
Moin,
Post by H.-P. Schulz
Wie heißt sowas korrekt?
Trickserei? Nepp? Merktschreierei?
Betrug im engeren - strafrechtlichen - Sinn ist ja auch nicht - genau
darauf wird ja bei der Konstruktion dieser Texte peinlich geachtet.
Nicht jeder läßt sich da wirklich rechtlich beraten.

Skalenvorteil für Ketten/Großanbieter.

Ich las letztens in unserer Bahnhofstraße:

"Döner macht schöner"

Himmelschreiender Unfug, aber keine
pflichtig belegbare Gesundheitsbehauptung.

Gruß, ULF
Detlef Meißner
2017-08-20 18:15:53 UTC
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Raw Message
Post by H.-P. Schulz
In der Werbung, in Geschäft anbahnenden Statements, in Inhalts- oder
Leistungs-Deklarationen auch ...
Immer wird dem Normalverstand (und erst recht dem leicht unter
normalen) etwas suggeriert, das sich dann später als
nichtderfallseiend bzw. sonichtverstehengedurfthabend erweist.
Werbung (Reklame) für irgend einen Kommunikationsdienst, genaueres
egal; da heißt es dann "übrigens: Sie können den Vertrag jederzeit
auch wieder kündigen," - - - was der Normalverstand natürlich dahin
gehend verstehen will (und dieses Verständnis ist selbstverständlich
auch seitens der Macher des Textes intendiert!), dass man das
Vertragsverhältnis jederzeit, sozusagen *fristlos*!, beenden kann.
In Wahrheit sagt der Satz, *genau* (eben auf jene "spitzfindige",
nämlich un-suggestive Weise gesehen) genommen, etwas völlig Banales,
sowiso Klares aus, nämlich dass man jederzeit eine Kündigung
*einreichen* kann. Die Kündigungsfrist, Vertragsmindstlaufzeit u.ä.
ist dann ganz wie branchenüblich.
"0% Zins" wird oft bei Ratenkauf-Optionen ausgeschrieen. Man soll
denken: Man zahlt nichts extra, zB 1000 Euro in zehn Raten à 100 Euro,
und das war 's. Weit gefehlt! "0% Zins" sagt etwas über den
KreditZINS, aber nichts über die _Bearbeitungsgebühr_ (... und noch
diese Abgabe, jene Steuer, und noch 'n Disagio, und noch die
Igelgebühr ...)! Und die kann mitunter ganz saftig sein, und zwar
auch, und gerade, bei "0% Zins"-Geschäften!
Wer kommt, wenn er eine Ingredienzendeklaration liest, auf die Idee,
dass "ohne Konservierungsstoffe" *nicht* dasselbe ist wie "frei von
Konservierungsstoffen"
So Sachen.
Wie heißt sowas korrekt?
Trickserei? Nepp? Merktschreierei?
Wir nannten so etwas früher "behum(p)sen".

Detlef
H.-P. Schulz
2017-08-20 19:03:35 UTC
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Post by Detlef Meißner
Wir nannten so etwas früher "behum(p)sen".
Na ja, - aber ist das nicht nur ein anderes Wort für betrügen, über
den Löffel barbieren, bescheißen?

Diese Texte stehe ja i.d.R. *vor* einem Geschäftsabschluss, sollen das
Zustandekommen eines solchen befördern; *sind* selbst ja nicht das
Geschäft.
Detlef Meißner
2017-08-21 07:01:04 UTC
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Post by H.-P. Schulz
Post by Detlef Meißner
Wir nannten so etwas früher "behum(p)sen".
Na ja, - aber ist das nicht nur ein anderes Wort für betrügen, über
den Löffel barbieren, bescheißen?
Ja, aber etwas abgeschwächt - wie schummeln.

Man könnte so etwas auch "Blümeln" nennen, von Norbert Blüm.

Detlef
H.-P. Schulz
2017-08-21 09:14:34 UTC
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Raw Message
Post by Detlef Meißner
Post by H.-P. Schulz
Post by Detlef Meißner
Wir nannten so etwas früher "behum(p)sen".
Na ja, - aber ist das nicht nur ein anderes Wort für betrügen, über
den Löffel barbieren, bescheißen?
Ja, aber etwas abgeschwächt - wie schummeln.
Man könnte so etwas auch "Blümeln" nennen, von Norbert Blüm.
Von anderer Seite ist noch vorgeschlagen worden:

anreißen, anwichsen

Da denkt man dann aber doch eher an den Reinholer vorm Nepplokal,
oder?

Und 'anwichsen' kenne ich sowieso nur aus der Jugendsprache - von
gaaaanz von früher! -, als soviel wie "Streit suchen" oder Händel
anbinden.
__

Was anderes noch: Ich denke, auch alle Sternchenpreise und
-anpreisungen sind ebenfalls zu der gesuchte Textsorte zu rechnen.
Tobias J. Becker
2017-08-21 22:49:44 UTC
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Raw Message
Post by H.-P. Schulz
Was anderes noch: Ich denke, auch alle Sternchenpreise und
-anpreisungen sind ebenfalls zu der gesuchte Textsorte zu rechnen.
Für dieses Ding schlug Hauke Reddemann vor vielen Jahren einmal die
Wortneuschöpfung "Lügensternchen" vor - ich selbst habe es erst vor
kurzem in einem Gespräch spontan so genannt und erinnerte mich wieder an
den Thread.

Bei der Allwissenden:
https://groups.google.com/forum/#!topic/de.etc.sprache.deutsch/CTeGLOeXczY[1-25]


Gruß,
Tobias
Gunhild Simon
2017-08-22 06:49:22 UTC
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Am Dienstag, 22. August 2017 00:50:17 UTC+2 schrieb Tobias J. Becker:

...
... Hauke Reddemann ...
Er heißt *Reddmann*, wenn ich das recht in Erinnerung
habe.

(Er schreibt etwas schräge Beiträge -
besser: erfindet neue Threads, die für sich
genommen kaum Resonanz haben.)

Gruß
Gunhild
Thomas Lorenz
2017-08-20 19:03:40 UTC
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Post by H.-P. Schulz
Wer kommt, wenn er eine Ingredienzendeklaration liest, auf die Idee,
dass "ohne Konservierungsstoffe" *nicht* dasselbe ist wie "frei von
Konservierungsstoffen"
Nicht?

MfG
Thomas
U***@web.de
2017-08-21 14:21:17 UTC
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Raw Message
Post by Detlef Meißner
Wir nannten so etwas früher "behum(p)sen".
Hast Du nicht etwas knapp zitiert?
Detlef Meißner
2017-08-21 15:28:52 UTC
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Raw Message
Post by U***@web.de
Post by Detlef Meißner
Wir nannten so etwas früher "behum(p)sen".
Hast Du nicht etwas knapp zitiert?
Knapper ging nicht. :-)
Detlef
Peter Blancke
2017-08-21 10:35:26 UTC
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Raw Message
Post by H.-P. Schulz
Wer kommt, wenn er eine Ingredienzendeklaration liest, auf die
Idee, dass "ohne Konservierungsstoffe" *nicht* dasselbe ist wie
"frei von Konservierungsstoffen"
Gerne auch: "Geprueft von einem Lebensmittelchemiker." Ach, ja?
Wirklich? Und: Welchen Dreck diagnostizierte dieser?
Post by H.-P. Schulz
Wie heißt sowas korrekt?
Verarsche!

Unsereins™ faellt auf so etwas _nicht_ herein.

Grusz,

Peter Blancke
--
Hoc est enim verbum meum!
Detlef Meißner
2017-08-21 15:35:00 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Peter Blancke
Post by H.-P. Schulz
Wer kommt, wenn er eine Ingredienzendeklaration liest, auf die
Idee, dass "ohne Konservierungsstoffe" *nicht* dasselbe ist wie
"frei von Konservierungsstoffen"
Gerne auch: "Geprueft von einem Lebensmittelchemiker."
^^^^
staatlich geprüften
Post by Peter Blancke
Ach, ja?
Ja, finde ich auch immer lustig.
Post by Peter Blancke
Wirklich? Und: Welchen Dreck diagnostizierte dieser?
Nur den, auf den er die Lebensmittel hin untersucht und die unter dem
Grenzwert liegen.

BTW: Als der Reaktor in Tschernobyl hochging, wurden bei uns auch ganze
Zugladungen von Milchpulver verseucht, die dann entsorgt wurden. Dabei
hätte man sie nur mit neuen Milchpulver vermengen müssen, um unter den
Grenzwert zu kommen.
Ich wette, das wird in vielen Bereichen so gemacht.
Post by Peter Blancke
Post by H.-P. Schulz
Wie heißt sowas korrekt?
Verarsche!
Unsereins™ faellt auf so etwas _nicht_ herein.
Irgendwann ist's immer das erste Mal.

Detlef
Uwe Borchert
2017-08-22 10:15:48 UTC
Permalink
Raw Message
Hallo,
Post by H.-P. Schulz
Wer kommt, wenn er eine Ingredienzendeklaration liest, auf die Idee,
dass "ohne Konservierungsstoffe" *nicht* dasselbe ist wie "frei von
Konservierungsstoffen"
Spitzfindig kann ich auch! Die komplette Formulierung im ersten
Fall lautete „ohne Konservierungsstoffe hergestellt“. Und da sind
bei traditionellen Verfahren Konservierungsstoffe wie Salz, Essig
und Zucker schnell mal Zutaten und keine Konservierungsstoffe.
Damit gilt dann ein „ohne Konservierungsstoffe hergestellt“, aber
trotzdem enthält das Produkt Konservierungsstoffe - welche aber
zu normalen Inhaltsstoffen umdefiniert wurden. Ich frage mich
aber ernsthaft welches Produkt wirklich keine Konservierungsstoffe
enthalten soll? Selbst Obst und Gemüse hat die Natur mit vielen
Konservierungsstoffen ausgestattet und das ist gut so!

MfG

Uwe Borchert
René Marquardt
2017-08-22 13:40:38 UTC
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Raw Message
Post by H.-P. Schulz
In der Werbung, in Geschäft anbahnenden Statements, in Inhalts- oder
Leistungs-Deklarationen auch ...
Wer kommt, wenn er eine Ingredienzendeklaration liest, auf die Idee,
dass "ohne Konservierungsstoffe" *nicht* dasselbe ist wie "frei von
Konservierungsstoffen"
Vergessen wir nicht dieses:

Loading Image... (Fanta-Dose deutsch)

Loading Image... (was aehnliches, englisch)

Das eine ist tatsaechlich aus Fruechten gewonnen worden,
das andere sind Molekuele, die zwar auch in der Natur
existieren, aber aus dem Labor kommen.
H.-P. Schulz
2017-08-23 15:33:00 UTC
Permalink
Raw Message
Wie wär' 's mit >Köderkode< ?

Jajaichweiß!
*Jede* Reklame ist - oder enthält doch zu bedeutendem Anteil -
Köderkode.
Mit Köderkode im *engeren* Sinne soll der Unterfall des
Reklame-Marktschrei-Kodes gemeint sein, wo der gutgläubige, etwas
oberflächliche, vieles stillschweigend voraussetzende Alltagsverstand
irregeführt wird.

Und zum drauf Reinfallen dies:

Wozu ist es nütze, die Menschen - also: Die, die etwas zu geschäften
haben (haben wollen; glauben haben zu müssen ...) - so folgenreich
geschieden zu sehen in solche, die nicht "drauf reinfallen" und jene,
die in die Hökerfalle tappen? Wo doch insbesondere letzteres mitunter
unerfreuliche, langwierige, ja, das ganze weitere Leben
beeinträchtigende Folgen haben kann!
Was wäre als "tugendlicher Mehrwert" des antrainierten Checkertums zu
nennen? Die selbstzufriedene, stets nah der Schadenfreude angesiedelte
Klugheit eines, der nur ganz zufällig auf der Seite der
Ködernichtgeschluckthaber - und nicht auf der der Köderauswerfer -
steht? Das unausbleibliche, obstinate, um Nachschub nie verlegene
Auftischen der ewigen Histörchen vom sich nicht über den Tisch ziehen
gelassen haben?

Seltsam: Mir sind die nicht gar so wachsamen, verhältnismäßig leicht
bescheißbaren, vertrauensseligen Zeitgenossen die angenehmeren.
Und immer wieder beobachte ich, dass die den Kopf für Gedanken frei
haben, die einem der Vorgenannten auch in zwo Leben nicht kämen.

Entschuldigung fürs (sic!) OT Räsonnieren, - aber

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