Discussion:
nicht länger
(zu alt für eine Antwort)
Christina Kunze
2017-08-20 06:14:43 UTC
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Raw Message
"Wir sind nicht länger eine Insel", wird der finnische Ministerpräsident
heute auf Nachrichtenseiten zitiert.
Nun hat der Mann das vermutlich auf Finnisch gesagt, von wo es ins
Englische übersetzt wurde, aber darum geht es mir jetzt nicht.

Auch von Muttersprachlern des Deutschen höre ich häufiger, etwas sei
"nicht länger" irgendetwas.

Ich meine, auf Deutsch sollte es "Wir sind keine Insel mehr" heißen.
Kommt mir das nur so vor, oder ist dieses "nicht länger" in den
vergangenen Jahren häufiger geworden?

Aus älteren Texten ist mir "nicht länger" eher aus Vergleichen in
Erinnerung, z.B. bei Schiller

Nicht länger wollen diese Lieder leben,
als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut.

chr
Helmut Richter
2017-08-20 08:02:51 UTC
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Raw Message
Post by Christina Kunze
"Wir sind nicht länger eine Insel", wird der finnische Ministerpräsident
heute auf Nachrichtenseiten zitiert.
Nun hat der Mann das vermutlich auf Finnisch gesagt, von wo es ins
Englische übersetzt wurde, aber darum geht es mir jetzt nicht.
Auch von Muttersprachlern des Deutschen höre ich häufiger, etwas sei
"nicht länger" irgendetwas.
Ich meine, auf Deutsch sollte es "Wir sind keine Insel mehr" heißen.
So sehe ich das auch.
Post by Christina Kunze
Kommt mir das nur so vor, oder ist dieses "nicht länger" in den
vergangenen Jahren häufiger geworden?
Mir auch. Und es könnte durchaus ein Anglizismus sein: nicht an sich,
wie Schiller zeigt, aber in der Verwendung, wo es ein schlichtes "nicht
mehr" getan hätte.
Post by Christina Kunze
Aus älteren Texten ist mir "nicht länger" eher aus Vergleichen in
Erinnerung, z.B. bei Schiller
Nicht länger wollen diese Lieder leben,
als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut.
Auch Schiller:

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
"So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
Die Götter wollen dein Verderben;
Fort eil' ich, nicht mit dir zu sterben."
Und sprach's und schiffte schnell sich ein.

Ich habs mit "nicht länger" aus der Schule in Erinnerung, aber die
Satzkonstruktion ist dieselbe. Mir scheint es nicht am Vergleich zu
liegen, sondern an der notwendigen Betonung: das "mehr" von "nicht mehr"
lässt sich nicht betonen, ein "ferner" oder "weiter" dagegen schon.
--
Helmut Richter
Bertel Lund Hansen
2017-08-20 09:08:28 UTC
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Raw Message
Post by Christina Kunze
Kommt mir das nur so vor, oder ist dieses "nicht länger" in den
vergangenen Jahren häufiger geworden?
Es könnte au ch ein Dänismus sein. "Ikke længere" ist im
Dänischen völlig üblich.
--
Bertel, Dänemark
Sergio Gatti
2017-08-20 09:32:03 UTC
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Raw Message
Post by Bertel Lund Hansen
Post by Christina Kunze
Kommt mir das nur so vor, oder ist dieses "nicht länger" in den
vergangenen Jahren häufiger geworden?
Es könnte au ch ein Dänismus sein. "Ikke længere" ist im
Dänischen völlig üblich.
Ich will dir nicht zu nahe treten, aber ist es denkbar, dass
du den dänischen Einfluss auf die deutsche Sprache leicht
überschätzt?
Übrigens, da du es vielleicht weißt: Welcher Ausdruck ist
mit dieser Bedeutung älter?
- no longer
- ikke længere
- nicht länger
Manfred Hoß
2017-08-20 10:28:58 UTC
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Raw Message
Post by Sergio Gatti
Post by Bertel Lund Hansen
Post by Christina Kunze
Kommt mir das nur so vor, oder ist dieses "nicht länger" in den
vergangenen Jahren häufiger geworden?
Es könnte au ch ein Dänismus sein. "Ikke længere" ist im
Dänischen völlig üblich.
Ich will dir nicht zu nahe treten, aber ist es denkbar, dass
du den dänischen Einfluss auf die deutsche Sprache leicht
überschätzt?
Übrigens, da du es vielleicht weißt: Welcher Ausdruck ist
mit dieser Bedeutung älter?
- no longer
- ikke længere
- nicht länger
Im Deutschen wird "nicht länger" in der von Helmut genannten Bedeutung
"nicht mehr" seit Jahrhunderten verwendet. So heißt es in der Luther-Bibel
von 1545 in Exodus 2, 3: "Vnd da sie jn nicht lenger verbergen kund / macht
sie ein kestlin von rhor / vnd verkleibets mit thon vnd pech / vnd legt das
Kind drein / vnd legt jn in den schilff am vfer des wassers." Das sagt zwar
nichts darüber aus, ob der Ausdruck heute öfter verwendet wird als früher,
aber er ist auf keinen Fall ein Anglizismus.

Gruß
Manfred.
Helmut Richter
2017-08-20 19:59:20 UTC
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Raw Message
Post by Manfred Hoß
Im Deutschen wird "nicht länger" in der von Helmut genannten Bedeutung
"nicht mehr" seit Jahrhunderten verwendet. So heißt es in der Luther-Bibel
von 1545 in Exodus 2, 3: "Vnd da sie jn nicht lenger verbergen kund / macht
sie ein kestlin von rhor / vnd verkleibets mit thon vnd pech / vnd legt das
Kind drein / vnd legt jn in den schilff am vfer des wassers." Das sagt zwar
nichts darüber aus, ob der Ausdruck heute öfter verwendet wird als früher,
aber er ist auf keinen Fall ein Anglizismus.
Hinsichtlich der Einordnung als Anglizismus hatte ich geschrieben: "Und
es könnte durchaus ein Anglizismus sein: nicht an sich, wie Schiller
zeigt, aber in der Verwendung, wo es ein schlichtes 'nicht mehr' getan
hätte."

Es geht also nicht um die Übernahme eines vorher nicht im Deutschen
vorhandenen Ausdruck als Lehnübersetzung aus dem Englischen -- das habe
ich nicht behauptet. Vielmehr geht es darum, dass ein früher gezielt
eingesetzter Ausdruck unter dem Einfluss des Englischen neuerdings
massenhaft verwendet wird.

Vieleicht hat es schon immer deutsche Muttersprachler gegeben, die "in
2017" gesagt oder die "realisieren" im Sinne von "wahrnehmen" (statt
"verwirklichen") verwendet haben, aber dass das jetzt ein Massenphänomen
ist, kann trotzdem ein Einfluss aus dem Umgang vieler Deutscher mit dem
Englischen sein.
--
Helmut Richter
Quinn C
2017-08-21 16:37:28 UTC
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Raw Message
Post by Helmut Richter
Post by Manfred Hoß
Im Deutschen wird "nicht länger" in der von Helmut genannten Bedeutung
"nicht mehr" seit Jahrhunderten verwendet. So heißt es in der Luther-Bibel
von 1545 in Exodus 2, 3: "Vnd da sie jn nicht lenger verbergen kund / macht
sie ein kestlin von rhor / vnd verkleibets mit thon vnd pech / vnd legt das
Kind drein / vnd legt jn in den schilff am vfer des wassers." Das sagt zwar
nichts darüber aus, ob der Ausdruck heute öfter verwendet wird als früher,
aber er ist auf keinen Fall ein Anglizismus.
Hinsichtlich der Einordnung als Anglizismus hatte ich geschrieben: "Und
es könnte durchaus ein Anglizismus sein: nicht an sich, wie Schiller
zeigt, aber in der Verwendung, wo es ein schlichtes 'nicht mehr' getan
hätte."
Es geht also nicht um die Übernahme eines vorher nicht im Deutschen
vorhandenen Ausdruck als Lehnübersetzung aus dem Englischen -- das habe
ich nicht behauptet. Vielmehr geht es darum, dass ein früher gezielt
eingesetzter Ausdruck unter dem Einfluss des Englischen neuerdings
massenhaft verwendet wird.
Ich unterscheide reine Anglizismen, Bedeutungsanglizismen
("realisieren" im Sinne von "bewußt wahrnehmen") und
Gebrauchsanglizismen, wo eine im Deutschen bisher eher abseitige
Bedeutung häufig wird, oder eine fast vergessene wiedererstarkt.

Diesen Fall rechne ich wie Du unter die letzteren. In manchen
Zusammenhängen ist "nicht länger" durchaus üblich, spontan fiel
mir ein: "Das werden wir nicht länger hinnehmen!" Da ist der
Daueraspekt im Vordergrund, während im hier besprochenen Beispiel
ein einzelnes Ereignis eine Änderung bewirkt hat, und da paßt
"nicht mehr" besser.
--
binsaugnesseln, hummelsköl, mönchspfeffer, gugelköpf,
minbrüdermüntz FISCHART
GRIMM, Deutsches Wörterbuch
Bertel Lund Hansen
2017-08-20 11:43:34 UTC
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Raw Message
Post by Sergio Gatti
Post by Bertel Lund Hansen
Es könnte au ch ein Dänismus sein. "Ikke længere" ist im
Dänischen völlig üblich.
Ich will dir nicht zu nahe treten, aber ist es denkbar, dass
du den dänischen Einfluss auf die deutsche Sprache leicht
überschätzt?
Nein. Ich habe keine Illusion, dass Dänisch Deutsch stark
beeinflusst. Ich habe zwei Punkte mit der Bemerkung:

1. Es gibt andere -ismen als Anglizismen.

2. Was normal im Danischen ist, ist vielleicht auch nicht dem
Deutschen fremd, denn wir haben ja gemeine Wurzeln.
Post by Sergio Gatti
Übrigens, da du es vielleicht weißt: Welcher Ausdruck ist
mit dieser Bedeutung älter?
- no longer
- ikke længere
- nicht länger
Keine Ahnung.
--
Bertel, Dänemark
Juergen Barsuhn
2017-08-21 22:21:07 UTC
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Raw Message
Post by Bertel Lund Hansen
Post by Christina Kunze
Kommt mir das nur so vor, oder ist dieses "nicht länger" in den
vergangenen Jahren häufiger geworden?
Es könnte au ch ein Dänismus sein. "Ikke længere" ist im
Dänischen völlig üblich.
Das finde ich überzeugend, wenn man den Blick noch auf das Schwedische
erweitert - mit "inte längre". Es erscheint denkbar, das der finnische
Ministerpräsident in der Stadt des Attentats Åbo die gleichberechtigte
schwedische Sprache benutzt hat.

Beim schnellen Übersetzen bleibt sann schon einmal eine Formulierung
stehen, die in der Zielsprache weniger gebräuchlich, aber doch
verständlich ist.

Wenn ich die Formulierungen "nicht mehr" und "nicht länger"
ausgesprochen vergleiche, dann zieht mich die höhere Dramatik von "nicht
lämger" an.

Gewöhnungsbedürftig finde ich aber das Sprachbild, Finnland als eine
Insel anzusehen.

Gruß
Jürgen
U***@web.de
2017-08-22 06:37:27 UTC
Permalink
Raw Message
Moin,
Post by Juergen Barsuhn
Gewöhnungsbedürftig finde ich aber das Sprachbild, Finnland als eine
Insel anzusehen.
Inseln der Glückseligkeit oder von was auch
immer müssen nicht vollständig von
Wasser umgeben sein.

Gruß, ULF
Uwe Borchert
2017-08-22 10:29:46 UTC
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Raw Message
Hallo,
Post by Juergen Barsuhn
Gewöhnungsbedürftig finde ich aber das Sprachbild, Finnland als eine
Insel anzusehen.
Inseln der Glückseligkeit oder von was auch immer müssen nicht
vollständig von Wasser umgeben sein.
Genau an diese Insel der Glückseeligen musste ich auch gerade
denken. Oder an sogenannte Insellösungen in der Technik. Dabei
hat man keine Inseln im geographischen Sinn. Nicht immer ist
Wasser die Barriere zu einer „Insel“. Zumindest im Deutschen
ist das durchaus nicht ungewöhnlich und sogar mir bekannt.

PS: Als der Begriff Filterblase aufkam habe ich zuallererst an
Biotope gedacht, etwas später dann an Inseln. Das Wort „Oase“
ist auch in diese Richtung benutzbar. Allerdings bevorzuge ich
für Filterblase immer noch Biotop, um potentielle Bedrohungen
und Konflikt der Filterblase mit der Realität unterschwellig
mit zu transportieren.

MfG

Uwe Borchert
Gunhild Simon
2017-08-23 08:56:10 UTC
Permalink
Raw Message
... Insel der Glückseeligen...
^^^^^^^

"selig" hat mit "Seele" etymologisch
und inhaltlich nichts zu tun.
In selig steckt "saelge", Wohl.

Gruß
Gunhild
Jakob Achterndiek
2017-08-23 09:18:59 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Gunhild Simon
... Insel der Glückseeligen...
^^^^^^^
"selig" hat mit "Seele" etymologisch
und inhaltlich nichts zu tun.
In selig steckt "saelge", Wohl.
Korrektur eines kleinen Vertippers: "saelde";
siehe auch:
<http://www.woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=Lexer&lemid=LS00194>

Als Eselsbrücke empfohlen: Gottfried Keller, "Die Leute von Seldwyla"
--
j/\a
Roland Franzius
2017-08-23 09:33:05 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Jakob Achterndiek
Post by Gunhild Simon
... Insel der Glückseeligen...
^^^^^^^
"selig" hat mit "Seele" etymologisch
und inhaltlich nichts zu tun.
In selig steckt "saelge", Wohl.
Korrektur eines kleinen Vertippers: "saelde";
<http://www.woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=Lexer&lemid=LS00194>
Als Eselsbrücke empfohlen: Gottfried Keller, "Die Leute von Seldwyla"
Gerade gesehen, etymonline.con kann man in Firefox als Suchmaschine adden.

Die Suche dort liefert bei "selig" folgende lustige etymologie: "silly"
(deutsch selig), urspünglich "blessed", "happy" mit einer langen,
langsam fortschreitenden Degradierung über die Jahrhunderte.

Offenbar taten sich die alten Saxen, Friesen und Fahlen verdammt schwer,
eine positiv-gute Stimmung in Worte zu fassen zu kriegen.
--
Roland Franzius
Peter Blancke
2017-08-23 13:44:04 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Roland Franzius
Gerade gesehen, etymonline.con
Recte: http://www.etymonline.com/

Grusz,

Peter Blancke
--
Hoc est enim verbum meum!
Gunhild Simon
2017-08-23 09:34:13 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Jakob Achterndiek
Post by Gunhild Simon
... Insel der Glückseeligen...
^^^^^^^
"selig" hat mit "Seele" etymologisch
und inhaltlich nichts zu tun.
In selig steckt "saelge", Wohl.
Korrektur eines kleinen Vertippers: "saelde";
<http://www.woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=Lexer&lemid=LS00194>
...

Ja, danke. War wirklich ein Tippfehler - dabei
schwante mir schon Böses: Ich hatte aus dem
Gedächtnis zitiert.

Gruß
Gunhild
Lars Bräsicke
2017-08-20 08:22:35 UTC
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Raw Message
Post by Christina Kunze
"Wir sind nicht länger eine Insel", wird der finnische Ministerpräsident
heute auf Nachrichtenseiten zitiert.
Nun hat der Mann das vermutlich auf Finnisch gesagt,
Emme ole enää saari. = Wir sind nicht mehr eine Insel.
Post by Christina Kunze
von wo es ins
Englische übersetzt wurde,
We are no longer an island.
Post by Christina Kunze
aber darum geht es mir jetzt nicht.
Auch von Muttersprachlern des Deutschen höre ich häufiger, etwas sei
"nicht länger" irgendetwas.
Ich meine, auf Deutsch sollte es "Wir sind keine Insel mehr" heißen.
Im Deutschen kann man das unterschiedlich ausdrücken, in anderen
Sprachen vermutlich auch.
Auch wenn es neu sein sollte: Ich halte die Verwendung eines
spezifischeren Komparativs nicht für einen Schaden.
Martin Gerdes
2017-08-20 11:31:54 UTC
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Raw Message
Post by Christina Kunze
"Wir sind nicht länger eine Insel", wird der finnische Ministerpräsident
heute auf Nachrichtenseiten zitiert.
Nun hat der Mann das vermutlich auf Finnisch gesagt, von wo es ins
Englische übersetzt wurde, aber darum geht es mir jetzt nicht.
Auch von Muttersprachlern des Deutschen höre ich häufiger, etwas sei
"nicht länger" irgendetwas.
Und das ist Dir einmal mehr aufgefallen?
U***@web.de
2017-08-20 12:10:41 UTC
Permalink
Raw Message
Moin,
Post by Christina Kunze
Aus älteren Texten ist mir "nicht länger" eher aus Vergleichen in
Erinnerung, z.B. bei Schiller
Aus aktuellen Sprüchen kenne ich es in Verbindung
mit 'zusehen'.

Gruß, ULF
Stephen Hust
2017-08-20 14:18:28 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Christina Kunze
"Wir sind nicht länger eine Insel", wird der finnische Ministerpräsident
heute auf Nachrichtenseiten zitiert.
Nun hat der Mann das vermutlich auf Finnisch gesagt, von wo es ins
Englische übersetzt wurde, aber darum geht es mir jetzt nicht.
Auch von Muttersprachlern des Deutschen höre ich häufiger, etwas sei
"nicht länger" irgendetwas.
Ich meine, auf Deutsch sollte es "Wir sind keine Insel mehr" heißen.
Kommt mir das nur so vor, oder ist dieses "nicht länger" in den
vergangenen Jahren häufiger geworden?
Das kann ich nicht sagen, aber - vorausgesetzt, ich habe Dich richtig
verstanden - es kommt auch in früheren Texten vor. Einige aus dem 19.
Jahrhundert sind Übersetzungen aus dem Englischen oder Französischen,
und bei manchen konnte ich nicht erkennen, ob es um Übersetzungen
handelt oder nicht.

Hier einige Beispiele aus dem 19. und 20. Jahrhundert:

| In dieser fremden Welt, der Welt des skandinavischen Nordens, haben
| wir lange, ach! viel zu lange, allein gestanden wie ein schwankendes
| Rohr, und sehnten uns vergebens, daß unser Holstein nicht länger ein
| todtes, sondern ein lebendiges Glied sei des Deutschen Körpers [...]
|
(A. J. F. Henrichsen, "Zur gegenwärtigen Lage", Altona, 1866, S. 10.)

<https://books.google.at/books?id=SbhbAAAAcAAJ&dq=%22nicht%20l%C3%A4nger%20ein%22&pg=PA10#v=onepage&q=%22nicht%20l%C3%A4nger%20ein%22&f=false>

| Die Zeit bloßen Demonstrirens "um Einschüchterungs willen" war
| vorüber, ebenso hatten Geheimhalten und Versteckensspielen nicht
| länger einen Zweck.
|
(Theodor Fontane, "Der deutsche Krieg von 1866", "Der Feldzug in Böhmen
und Mähren","Oestreich und Preußen rüsten", 1. Band, Zweite Auflage,
Berlin, 1871, S. 50.)

| In dem Rechte und der Ehre Oestreichs, in dem Rechte und der Ehre der
| gesammten deutschen Nation erblickte Preußen nicht länger eine
| Schranke für seinen verhängnißvoll gesteigerten Ehrgeiz.
|
(Theodor Fontane, "Der deutsche Krieg von 1866", "Der Feldzug in Böhmen
und Mähren", "Die Manifeste", 1. Band, Zweite Auflage, Berlin, 1871, S. 82.)

| Unten am Hügel-Abhang, in Nähe der "Suhle", blickten wir noch einmal
| auf das Steinfeld zurück, das nicht länger ein Chaos für uns war.
|
(Theodor Fontane, "Wanderungen durch die Mark Brandenburg", Zweiter
Theil, "Das Oderland. Barnim-Lebus", "Auf dem Hohen-Barnim", "'Der
Blumenthal'", Wohlfeile Ausgabe, Sechste Auflage, Berlin, 1899, S. 414.)

| Während dieses Gespräch noch geführt wurde, erschien die Haushälterin
| wieder zu Häupten der Tafel, eine flache Schüssel herumreichend, deren
| schwarzkörniger, mit Citronenschnitten reich garnirter Inhalt über die
| Art der Ueberraschung nicht länger einen Zweifel lassen konnte.
|
(Theodor Fontane, "Vor dem Sturm", XIV. "'Alles was fliegen kann, fliege
hoch.'", 9. und 10. Auflage, Stuttgart und Berlin, 1907, S. 109.)

| Allmählich begann ich meine Lage zu übersehen, und da ich die
| Fieberzeit überwunden hatte und ruhig schien, machte der Arzt nicht
| länger ein Geheimnis daraus, daß mir wohl für immer ein Andenken an
| diesen Sturz bleiben werde.
|
(Hermann Hesse, "Gertrud", Zweites Kapitel, Suhrkamp, 1983 (1910), S. 19.)

| Ja, Dr. Krokowski beschrieb auf seinem selbständigen
| Nachmittagsrundgang keinen Bogen mehr um Hans Castorp. Dieser zählte
| nun mit, er war nicht länger ein Intervall und Hiatus, er war Patient,
| er wurde gefragt und nicht links liegengelassen [...]
|
(Thomas Mann, "Der Zauberberg", Fünftes Kapitel, Abschnitt
"Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit", S. Fischer, 1952 (1924), S. 265.)

| "[...] Almosen, Fasten, Wachen und Gebet auf bloßen Steinen, nebst
| allem, was dem Fleische unbequem und zuwider, das sei mein Leben als
| Herrin dieses Landes, damit Gott sehe, er habe nicht länger ein sündig
| Weib an mir, vielmehr gar keines mehr, sondern eine Nonnenfürstin
| erstorbenen Herzens. [...]"
|
(Thomas Mann, "Der Erwählte", "Die fünf Schwerter",
Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2001 (1951), S. 60.)

| [...] und hatte schließlich etwas von der Zentralheizung für das Alte
| Schloß einfließen lassen, die, wenn der Verkauf zustande käme, nicht
| länger ein Ding der Unmöglichkeit sein werde.
|
(Thomas Mann, "Königliche Hoheit", "Imma", S. Fischer, 1997 (1909), S. 192.)
--
Steve

My e-mail address works as is.
Stephen Hust
2017-08-20 14:29:58 UTC
Permalink
Raw Message
[...]
Einige aus dem 19. Jahrhundert sind Übersetzungen aus dem Englischen oder
Französischen, und bei manchen konnte ich nicht erkennen, ob es
sich
um Übersetzungen handelt oder nicht.
[...]
--
Steve

My e-mail address works as is.
Heinz Lohmann
2017-08-21 04:05:55 UTC
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Raw Message
Post by Christina Kunze
"Wir sind nicht länger eine Insel", wird der finnische Ministerpräsident
heute auf Nachrichtenseiten zitiert.
Nun hat der Mann das vermutlich auf Finnisch gesagt, von wo es ins
Englische übersetzt wurde, aber darum geht es mir jetzt nicht.
Auch von Muttersprachlern des Deutschen höre ich häufiger, etwas sei
"nicht länger" irgendetwas.
Ich meine, auf Deutsch sollte es "Wir sind keine Insel mehr" heißen.
Kommt mir das nur so vor, oder ist dieses "nicht länger" in den
vergangenen Jahren häufiger geworden?
BTW: Die NZZ zitiert den Ministerpräsidenten so:
«Doch das ist nicht immer möglich. Nun sind wir keine Insel mehr», sagte
Sipilä.

<https://www.nzz.ch/international/finnland-nach-der-messerattacke-von-turku-wir-sind-keine-insel-mehr-ld.1311755>
--
mfg
Heinz Lohmann
Tamsui, Taiwan

Gedanken sind nicht stets parat,
man schreibt auch, wenn man keine hat. W.B.
H.-P. Schulz
2017-08-23 13:49:23 UTC
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Raw Message
Ich mache fogende Differenzierung auf:

Ist eine Art Entscheidung, ein Entschluss auch, die Hauptsache, setze
ich "nicht länger".

Beispiele:

Ich wollte nicht länger auf die weißen Wände schauen, darum nahm ich
mir vor, sie nächstens farbig zu streichen.

"... Ein Nichts zu sein - tragt es nicht länger! ..." (aus der dt.
Übersetzung der "Internationale")

Pluto wird nicht länger als Planet geführt. ("Pluto ist kein Planet
mehr" legte nah, dass er seine Umlaufbahn verlassen habe, der
Sonnengravitation irgendwie entkommen sei.)

Für dieses Ehrenamt stehe ich nicht länger zur Verfügung.

++++++++++

Ist der zentrale Punkt eine Zustandsänderung an sich, ein
Vorher-Nachher-Kontrast, setze ich "nicht mehr".

Beispiele:

Ich bemerkte, dass die Wände nicht mehr weiß waren wie seit
Jahrzehnten, sondern dass man sie in verschiedenen Farben gestrichen
hatte.

Der alte Lehnstuhl stand nicht mehr am Jahrzehnte gewohnten Platz.

Plötzlich, von einem Tag auf den anderen, schmeckt mir mein
immergleiches Schwarzbrot nicht mehr.
Stefan Schmitz
2017-08-23 19:49:37 UTC
Permalink
Raw Message
Post by H.-P. Schulz
Ist eine Art Entscheidung, ein Entschluss auch, die Hauptsache, setze
ich "nicht länger".
Ich wollte nicht länger auf die weißen Wände schauen, darum nahm ich
mir vor, sie nächstens farbig zu streichen.
"... Ein Nichts zu sein - tragt es nicht länger! ..." (aus der dt.
Übersetzung der "Internationale")
Pluto wird nicht länger als Planet geführt. ("Pluto ist kein Planet
mehr" legte nah, dass er seine Umlaufbahn verlassen habe, der
Sonnengravitation irgendwie entkommen sei.)
Beim ersten und dritten habe ich keinerlei Probleme, das "länger" durch "mehr"
zu ersetzen. Im Gegenteil, dann käme es mir natürlicher vor.
Post by H.-P. Schulz
Für dieses Ehrenamt stehe ich nicht länger zur Verfügung.
"Für dieses Ehrenamt stehe ich nicht mehr zur Verfügung" klingt mir nach
einer regulären Wahl, bei der man nicht mehr antritt.
Mit "länger" klingt es nach einem Rücktritt in der laufenden Amtszeit.

Darum meine Unterscheidung:
"Nicht mehr" bezeichnet neutral den neuen Zustand, "nicht länger" eine
Veränderung von jetzt auf gleich.
Vereinfacht: "Nicht länger" = "Ab sofort nicht mehr".

Das passt auch zu deinem zweiten Beispiel und der Verwendung im OP.
Matthias Opatz
2017-08-28 11:01:10 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Christina Kunze
Ich meine, auf Deutsch sollte es "Wir sind keine Insel mehr" heißen.
Ja.

Oft bei zweisprachigen Durchsagen (durch Deutsche) im Sport gehört:

"Noch drei Runden zu gehen!"

Immerhin, das "noch" stand im Englischen nicht.

Matthias

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